Neulich in Essen – oder: ein kaulanarischer Restaurantbesuch
Freitag, 15. Mai 2009 geschrieben von SyberiaAchtung, dies ist ein Suchtext mit ganz vielen Kalauern. Wer die meisten findet, darf sie alle für sich behalten. Wenn sich beim Lesen ihre Zehennägel kräuseln sollten, so ist das eine unbedenkliche Nebenwirkung der Auslese.
Früher handelte es sich um eine Stammkneipe, doch dann wurde die Unterkiefer gefällt und im angrenzenden Trübsaal ein Restaurant eröffnet. Da die Kücheneinrichtung erst vor wenigen Monaten käuflich erworben wurde, durfte man getrost von einer nouvelle cuisine sprechen. Zwar klagte die Wirtin noch über Anlauf- und Absatzschwierigkeiten, dies schrieb ich jedoch eher ihrer Vorliebe für lieb gestöckeltes Schuhwerk zu. Sie plante mehr Kundschaft in ihr Etablissement zu locken, indem sie Livewickelrock spielen ließ, doch außer der Standpauke und dem Triangler hatten alle Bandmitglieder kürzlich gekündigt, da der Leise ständig die Laute geschlagen hatte.
Da alle Tische besetzt waren, hockten wir uns zunächst an die Sansibar. Der Barmann nickte uns zu und putzte mit einem Jammerlappen den Tresen blank. Seine anderen Gäste waren bereits vom Genuss alkoholhaltiger Erfrischungsgetränke schwer gezeichnet und nur mehr Karikaturen ihrer selbst. Ich bestellte mir einen Gencocktail, die Kollegin entschied sich für einen leichten Glühwürmchenwein, der Chef hatte Bock auf Bier.
Eine Schar Touristen fiel ein und ehe es hektisch wurde, setzten uns an einen Nierentisch in der Käseecke und winkten dem Ober. Die Bedienung blieb zunächst lange fern, dann belehrte uns der Kellner im Oberton darüber, wir müssten à la card speisen, da die Preise der angebotenen Speisen unsere Barschaft sicher übersteigen würden. Nun, zum Glück nahm man auch Plastikgeld. Es kam zu einem raschen Stoffwechsel, da die Tischdecke unappetitliche Flecken aufwies, doch auf den lüsternen Kerzenhalter, welcher darauf brannte, entflammt zu werden, sprang kein Funke über.
Auch der Fisch war und blieb aus, aller Grätchenfragen zum Trotz. Den Anglern sei das Glück abhold, da sämtliche Köderwürmer sich als hypochondrisch erwiesen hätten und sich der hakeligen Zusammenarbeit verweigerten, indem sie einen Zettel in den Hummerkasten der örtlichen Krankenkasse geworfen und eine Wurmkur beantragten hätten. „Kabel? Jau!“, die hätten sie, doch der Fisch ziere sich, schwämme gegen den Strom und erhalte deshalb Welthummerhilfe. Die Muschelbank leide unter der allgegenwärtigen Finanzkrise, sämtliche Muscheln seien darum mies und das Forellenquintett komplett gestrichen (in einem frischen minzgrün), aber Eisschollen seien durchaus für jeden Spaß zu haben. Der Chef fragte harsch nach Rotbarsch, wurde aber eines Besseren belehrt: der sei auch aus, seit Herr Lafontaine seine eigene Partei ergriffen habe.
Insgesamt eine arge Sauerei, doch um das Hühnerei war es nicht besser bestellt. Der Kellner gab sich Mühe, uns einen fruchtigen neuseeländischen Vogel anzudienen, doch uns war nicht entgangen, dass im Hühnerflügel ein grippaler Infekt vor sich hin tröpfelte, der dem Agronomen andernorts mindestens drei Jahre Flatterhaft eingebracht hätte. Da ich zur Zeit auf Halbmast war, daher nur noch die Hälfte der üblichen Kalorien zu mir nahm und das Freiwild zudem Ausgang hatte, bestellte ich mir eine Buchstabensuppe und studierte derweil die Karte auf Lehramt:
Menükarte
Grünspanferkel mit Butterblumenkohl und Meisenknödeln
Sparschweinebraten an Knallfroschschenkeln auf Waldbärenmousse
In „Ess ich!“ eingelegte Krähenfüsse mit Pentagonestragon
Kontaktlinsensuppe mit manirierten Zahnfleischbällchen
Tontaubenfilet mit hausgemachter Polonaise und Koketten
Ich beschloss die Hauptspeise zu Ungunsten eines Desserts zu überspringen, doch der Kellner ließ mich bedauernd wissen, dass der Latte zu hoch und der Himmel nicht länger voller Zimtsterne hänge. Vertraulich beugte er sich zu mir hinunter, um mir einzuflüstern, dass der Konditor einen an der Waffel habe, was er daran festmache, dass dieser sich nur noch auf das Backen von Dreikornbrot konzentriere, welches aber aufgrund der winzig kleinen drei Körner als einzige Zutat selbst mittels mitgelieferter Lupe von den Gästen kaum aufzufinden sei. Auch die Hundekuchen habe man von der Karte genommen, da es zu viele Beschwerden über wirr umherrollende Möpse gegeben habe. Ich entschied mich schließlich für ein Stück Pustekuchen und einige trockene Scherzkekse, sah von der Sahne jedoch ab, denn die verführt bekanntlich zum Rumkugeln.
Nachdem ich die Suppe ausgelöffelt hatte und sich auf dem Teller nur noch der Bodensatz: „Afr igst Wrstuffgsam“ befand (vielleicht eine Botschaft aus dem aramäischen Jenseits?), nahm ich einen Bissen Kuchen zu mir und stimmte dem Kellner still und heimlich zu, dass der Konditor tatsächlich nicht in guter Backform war. Ich ließ das Gebäck zurückgehen und man bot uns als Wiedergutmachung ein Stück Christstollen an, den wir aber mit dem Hinweis ablehnten, dass er uns zu erzhaltig erscheine. Stattdessen kredenzte man uns ein kleines Zubrot mit Blauschimmelkäse, welcher vorzünglich mundete – allerdings waren wir uns darin einig, das es als frevelhaft anzusehen sei, eine weiße Stute erst betrunken zu machen, nur um sie dann zu melken.
Ich begab mich fußläufig in die Küche, um den Koch eigenhändig über unsere Überlegungen zu unterrichten. Der gute Mann hatte schon als Bratspieß bei der Bundeswehr gedient, weshalb der Ton in der Küche rauheren Datums war. Brutal presste er Knoblauch, faltete Zitronen und zertrat paralysierte Nüsse, während die kleine blonde Fritteuse Kartoffelstäbchen in siedendem Öl folterte, der Pfannenwender gelangweilt darauf wartete, dass der Tortenheber zur Seite austrat und der Salzstreuer sich mit dem Wasserwerfer um die Ungunst der Wirtin stritt. Ein Knochenjob, standen dem armen Mann doch die Haare zu Berge, als er entdecken musste, dass sämtliche Tiefkühlkost dem Frühtau anheim gefallen war. Laut lamentierte er darüber, dass er in der Berufsschule besser gleich das Tiefkühlfach belegt hätte, doch es war zu spät. Ich rief dem Tortenheber und dem Salzstreuer im Fortgehen ein fröhliches „Bonduell!“ zu und begab mich durch Lauf erhitzt zurück an unseren Tisch.
Meine Mitesser hatten derweil gespachtelt, bis sie kurz vor der Platzangst standen, doch mir schmeckte selbst der Wein ein wenig wollschal, da die Wirtin mir gesteckt hatte, sie wolle zwar, könne den armen Tropf von Konditor aber nicht feuern, da dieser seine Existenz ausschließlich der Glücksspirale verdankte, die seine Mutter ihrerzeit in ihrer Schafswolllust als probates Verhütungsmittel angesehen hatte. Wir beglichen geknickt wie Streichhölzer die Rechnung und schlichen von dannen.

Mai 15th, 2009 at 12:38
ja wo sind denn nun die vielen Kalauer? ,-)
Mai 15th, 2009 at 12:56
Die lauern Karl auf. Oder so.
Mai 21st, 2009 at 00:03
Schon ein kleines Meisterstück, Respekt! Regelrecht zu schade für einen flüchtigen Blogeintrag.
Mai 22nd, 2009 at 10:06
ja. viel zu anspruchsvoll. wer will bei der hitze schon so viel denken?
Mai 22nd, 2009 at 14:04
Angeblich hat der Text den Wunsch ausgelöst, mit dem Schädel auf die Tischplatte zu hämmern und heftiges Kopfweh verursacht. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.