Wer mit Peanuts bezahlt, wird von Affen bedient
Donnerstag, 15. Januar 2009 geschrieben von SyberiaEin normaler Vormittag am Schreibtisch. Das Telefon klingelt.
Ich: Agentur Sowieso. Guten Morgen. Sie sprechen mit Syberia.
“Kunde”: Hallo Bodo Belämmert, ich brauche eine Website, bin ich da richtig?
Ich: Was-…
“Kunde”: Ich brauche einen Shop, so wie bei amazon… die Kunden sollen suchen können nach zehn verschiedenen Kriterien… und der Warenbestand soll angezeigt werden… es muss ein einfach zu bedienendes Content Management sein… meine Sekretärin muss damit klar kommen und die hat keine Ahnung von Computern… ach ja und alles mit Bildern… und es muss ein Bezahlsystem geben… Paypal und VISA und so… also genau wie bei amazon, nur für Wein… und ein ausgefallenes Logo brauchen wir natürlich auch… haben Sie so etwas schon mal gemacht, können Sie das?
Ich: Ja. Wir haben und wir können. Bitte sagen Sie mir-…
“Kunde”: Und was kostet das?
Ich: Das kommt drauf an, w-…
“Kunde”: Wir sind ein Startup-Unternehmen, ich dachte an 500 Euro, höchstens. Für alles. Und es sollte in einer Woche online sein. Also allerspätestens.
Ich: *nenne eine Preisspanne*
“Kunde”: Sie sind viel zu teuer!
Ich: Mit wem vergleichen Sie uns denn?
“Kunde”: Mein Schwager macht es mir für 20 Euro die Stunde! Und ich kenne Agenturen, die machen es für 10!
Ich: Dann geben Sie mir doch mal deren Telefonnummern, wir suchen noch willfährige Arbeitssklaven Mitarbeiter…
“Kunde”: Ich komme extra zu Ihnen mit dem Auftrag, weil man Sie mir empfohlen hat und weil ich keiner bin, der Schwarzarbeit unterstützen will! Da können Sie mir ja wohl im Preis entgegenkommen! Mein Nachbar ist Student und macht es mir sogar für’n Kasten Bier und ‘ne Pizza…
Ich: Ach ja, ich habe schon davon gehört, dass seit Einführung der Semestergebühren viele junge Leute auf den Strich gehen müssen, aber dass die selbst dafür…
“Kunde”: *knallt den Hörer auf*
2 Wochen später. Das Telefon klingelt.
“Kunde”: Also, ich hab’ da so ein Problem mit meiner Internetseite… ich hab’ da so einen Shop und das funktioniert nicht…

Januar 15th, 2009 at 18:17
Bekäme ich für den Satz “Mein Schwager/Nachbar/Bruder-vom-Kollegen-meines-Fußballvereinsvorsitzenden macht es mir für 20 Euro die Stunde” jedesmal einen Euro, würde ich Araberpferde züchten und schottische Burgen sammeln.
Januar 15th, 2009 at 20:10
Das kenne ich auch…
Ein Badezimmer um-/ einbauen: Alte Fliesen abkloppen, neuen Estrich (Boden), Putz (Wände), Leitungen neu verlegen, diese “Löcher” wieder verschliessen, Wasserzähler nicht vergessen, Neue Fliesen legen, Wanne/ Dusche rein (ist am kompliziertesten…), Duschtrennwand einbauen (auch nich ohne…), Waschbecken /-tisch & WC montieren, Armaturen einbauen, Badheizkörper montieren, Endreinigung vornehmen…
Das kann schon mal ne Woche dauern, bis das alles fertig ist. Dann haben ein Meister, ein Monteur und meistens auch ein Helfer jeden Tag mindestens acht Stunden dran gearbeitet, ohne Helfer entsprechend mehr. Nicht zu vergessen den Elektriker und den Fliesenleger, wer Holz will, bezahlt auch den Schreiner noch.
Mich haben Kunden am Telefon und vis-a-vis verbal attackiert, weil ich verneint habe, ein Bad unter dem gewünschten Preis (Eine Montage eines Bades kann je nach Kundenwunsch stark variieren) anzubieten, und mir auf meine Verneinung/ Ablehnung hin Verwandten”klüngel” erzählt, bei dem manchen Leuten die Ohren schlackern würden…
Der Onkel macht dies, der Vater das, und der Bruder den Rest…
Warum lässt man das nich gleich von denen erledigen, wenn die das so preiswert können? Danach funktioniert aber die Dusche nich, die Toilette is verstopft, und am Waschbecken is ein dicker, unschöner Kratzer. Ach, der Heizkörper heizt dann übrigens auch nicht und die Wände sind schief, sprich die Fliesen weisen unschöne Dellen nach innen, schlimmer noch: nach außen hin auf…
Man muss sich manchmal ganz schön die Zunge abbeißen…
Januar 15th, 2009 at 20:20
Wer mit Peanuts zahlt wird von Affen bedient. Verstehen die meisten Leute besser als die Leistungspyramide (Gut, Schnell, Preiswert -> wähle zwei)
Januar 15th, 2009 at 20:49
Erinnert mich an die Diskussionen in der Firma, in denen ich die Preise von Fotografen für meine Publikationen rechtfertigen muss: “Also mein Schwager, der macht auch immer ganz tolle Fotos. Der macht’s für ‘nen Hunderter!”
Januar 15th, 2009 at 23:18
Nun ja, das Problem ist ja, dass man für viel Geld und vom Profi noch längt nix Ordentliches bekommt. Hab da schon Sachen gesehen …
Januar 16th, 2009 at 07:42
@Frau Sheherazade: Ich hatte mal eine Wohnung, dessen Vermieter das ganze Haus selbst renoviert hatte, inklusive Komplett”sanierung” der Badezimmers. Die Wände waren schief, war aber nicht so schlimm, denn die Böden und alles andere auch, da fiel es nicht so auf. Aus den Steckdosen ragten vier graue Kabel. War lustig zu prüfen, welches welches war. Der Keller war ständig nass. Nicht feucht, nass. Die Fenster hatten undichte Holzrahmen und nur eine Einfachverglasung. Und so weiter und so fort…
.
@Frau Kaltmamsell: Aber Sie hätten ‘ne Menge Geld sparen können – und man hätte den Schwager nie wieder vorgeschlagen!
@Kristof: Das war dann aber nicht von uns
Januar 16th, 2009 at 08:17
Das mag sein, ich weiss ja noch nicht mal, wer “uns” ist …
Januar 16th, 2009 at 10:09
wenn man mit arabern springen kann würde ich mich inkl. pferdepflegerin und busennuckler (muss nicht ihr busen sein) bewerben!
Januar 16th, 2009 at 13:24
Ich schreibe den Beitrag mal gerade weiter:
“Kunde”: Also, ich hab’ da so ein Problem mit meiner Internetseite… ich hab’ da so einen Shop und das funktioniert nicht…
“Sie”: *nennt einen dreimal so hohen Preis wie beim ersten Anruf*
Das wäre nicht mal böswillig. Wenn’s mit Kunden schon so anfängt, dann muss der Nervenverschleiß extra bezahlt werden.
Januar 16th, 2009 at 13:57
Hahhahhhaahhhhaa *hintenüberkipp*
Januar 16th, 2009 at 14:04
Was gibt’s denn da zu lachen, Frau Pappkartong? Sind Sie nicht auch
so eine, die’s jedem machtjemand, der für Bekannte und Verwandte Seiten bastelt?Januar 16th, 2009 at 15:36
Au weia, den Kunden muss man aber wirklich mal erzählen, was sowas kostet, wenns auch funktionieren soll
Januar 18th, 2009 at 14:42
@dkh: Herr A. schnitzt sich gerade einen langen spitzen Stock, um Sie sich vom Leib zu halten…
@Börni: Dafür und für die Mühe, sich in die fremde Programmierung einzuarbeiten, was sogar Sisyphos dazu bringen würde, einen zu bedauern.
@Frau Pappkarton: Sie sollten nicht solch schwere Rucksäcke…
@Herr Schepker: Ich soll Ihnen von dem Mann, der mit dem Stein vor einem Berg steht ausrichten, Sie möchten doch bitte mal zu ihm rüber kommen.
Januar 18th, 2009 at 17:27
Es lohnt vielleicht nicht, solche Kunden belehren zu wollen, weil sie ihre Attitüde, dass die Arbeitszeit des Anbieters nichts wert ist, auch nach dem Auftrag beibehalten werden und dann kostenlose Erweiterungen und Aktualisierungen verlangen, die man ja wohl nicht extra berechnen wolle, da es eigentlich nur Nachbesserungen seien. Und für eine Filiale möchte man dann gerne noch mal das gleiche, aber das könne auch ein Mitarbeiter der eigenen Firma kopieren und anpassen, den rufe man doch mal an und erkläre ihm, wie man das mache.
Möchte man dennoch eine Antwort geben, kann man sarkastisch werden:
a)
Kunde: “Das ist ja viel zu teuer!”
Anbieter: “Hatte ich erwähnt, dass ich hauptberuflich Toiletten putze?”
Kunde: “Ääh, nein…?”
Anbieter: “Es stimmt auch nicht, sondern ich mache dies hier beruflich und muss daher davon leben können.”
b)
Kunde: “Das ist ja viel zu teuer!”
Anbieter:”Ich könnte es Ihnen für die Hälfte anbieten, wenn Sie mir im Gegenzug verraten, wie ich künftig meine Lebensmittel für den halben Preis und meine Wohnung für die halbe Miete bekomme.”
Oder es mit einem Gleichnis versuchen:
c)
“Sie wollen doch eine Website, weil Sie sich davon einen kommerziellen Erfolg versprechen, denn Sie tätigen damit eine Investition, die sich später für Sie rechnen soll. Eine Homepage ist heute die wichtigste Anlaufstelle für den Erstkundenkontakt. Es ist quasi die Fassade, das Schaufenster und das Empfangszimmer Ihres Unternehmens. Wie sieht Ihr Laden aus? Haben Sie eine Bretterwand davor, mit einem Briefkasten, in den Ihre Kunden Geld und Aufträge einwerfen sollen? Natürlich nicht. Sie investierten in ein repräsentatives, kundenfreundliches Äußeres, und diese einmalige Investition hat sich vielfach rentiert. Sie haben nun jene Kundenkreise, von denen schäbige Hinterhofläden nur träumen können, denn Ihr Geschäft hebt sich positiv von der Masse ab. Sie sind jemand, der professionelles Auftreten und einen guten ersten Eindruck schätzt. Diese hohen Anforderungen sollten Sie auch an Ihren Internetauftritt stellen. Wir können diese Erwartungen erfüllen. Bretterwände machen wir nicht, und wenn ich Sie richtig einschätze, dann wollen Sie die auch gar nicht. Ich mache Ihnen mal ein Angebot und Sie überlegen sich, ob das nicht eine Investition ist, die sich am Ende für uns beide, gerade aber auch für Sie, lohnen wird.”
Januar 18th, 2009 at 18:36
Möchten Sie bei uns als betriebsphilosphischer Marketingleiter anfangen?
Januar 18th, 2009 at 19:10
@Syberia: Ehm, das check ich nicht, wie meinen?
Januar 19th, 2009 at 09:03
Ich meine Sisyphos…
Januar 19th, 2009 at 09:12
@kristof: ok, ich hab vielleicht ein oder zwei Seiten gebastelt für den Familienanhang. Und dann hab ich gemerkt, wie nervig und anstrengend das ist, da hab ichs sein lassen und gedacht: “ach, lass die doch andere dafür bezahlen, die das den ganzen Tag machen”
Januar 19th, 2009 at 13:26
Ein Weg ist, auch den Familienanhang bezahlen zu lassen. Kein Scheiß, dann herrscht direkt eine konstruktivere Atmosphäre …
Allgemein herrscht halt immer noch die Ansicht, das man sich einen Computer kauft und danach alles umsonst ist. Internetz, Software und Wartung. Zum Teil ist das auch richtig und gut. Es gibt genug freie Software, im Internet gibt es viele Umsonstdienste und den PC erstrubbelt irgendein Bekannter. Das muss sich erst alles langsam professionalisieren. So finde ich es verblüffend, dass es kaum Angebite für private Rechnerwartung gibt. Etwas einen Standard-PC für Omma, gekauft oder geleast, mit Fernwartung und in schweren Fällen Hausbesuch. Was da an “Schwarzarbeit” an Administrationsaufgaben von Enkeln geleistet wird, geht auf keine Kuhhaut. Dass sich PCs überhaupt so flächendeckend durchsetzen konnten, ist auch den vielen gutmütigen und geduldigen Privathelfer zu verdanken.
Für sein Auto gibt man ohne zu zucken 400€ für eine Inspektion aus. Das ist bei den Computern noch ganz anders. Solange müssen sich die IT-Anbieter halt noch mit der o.g. Attitüde vieler Kunden rumschlagen.
Januar 24th, 2009 at 13:23
Ah, jetzt versteh ich, ich Dummerchen
Aber das mit dem privaten Rechnersupport kenn ich auch, manchmal ist der Geholfene dann nicht zufrieden, das ist dann sehr toll.
Jemand aus meiner Familie wollte ein Officepaket haben. Da ich nun erwachsen bin und legale Software auf meinem Rechner hab, konnte dem Wunsch des Office XP nicht mehr entsprochen werden, also ging der Ratschlag raus, kauf dir MS Office oder lad dir kostenlos Open Office runter und probiers damit mal aus.
War soweit gut, ne Woche später erfahr ich von jemand anders, dass die geholfene Person sich ziemlich über mich beschwert hat, warum ich denn nicht helfen würde.
Ich meine, Familienhilfe bei PC Problemen, immer, aber in die Illegalität lass ich mich damit nicht drängen. Wenn ein Office XP gebraucht wird, dann solls gekauft werden, runterladen tu ich nichts mehr.
Februar 7th, 2009 at 18:49
Sehr gut zum Thema passt dies:
http://powazek.com/posts/1733
Februar 8th, 2009 at 18:29
Ich hab da so ‘nen Spezi, der mir auch doof kommt, weil ich ihm zum 01.01.2009 mal eine Erhöhung unserer Dienstleistungspreise angekündigt habe (die waren seit 2004 konstant).
Und dann habe ich ihm doch tatsächlich eine Stunde für “Recherche” berechnet, weil er mich mit “Suchen Sie uns doch mal passende Bilder für unsere Webseite” (also lizenzfreie Stockfotos im wesentlichen) losgeschickt hat. Fand er auch etwas dreist. Das hätte er “dann ja auch selber machen können…”
Die Pointe?
Der Mann leitet eine Zeitarbeitsfirma, sollte also mit dem Konzept vertraut sein, dass Arbeitszeit ein wertvolles Gut ist.
Manchmal denk ich echt, ich sollte Schafzüchter in Irland werden.