Kalte Abreise
Donnerstag, 8. Januar 2009 geschrieben von SyberiaEs ist Weihnachten, die Kinder sind gekommen, die Tochter aus Bremen, der Sohn aus Hamburg. Die Tür zum Wohnzimmer steht einen Spalt breit auf und im Vorbeigehen sieht sie den Sohn, wie er die letzten Kerzen am Baum anzündet. Am Vormittag hat sie die letzten Zutaten für das Festessen gekauft, das Klingeln hat sie von ihrer Arbeit aus der Küche fort geholt. Sie geht zur Tür und wischt sich die Hände an der Schürze ab, bevor sie nach der Türklinke greift, um sie hinunter zu drücken. Halt. Das Bild friert ein.
Später wird sie sagen, sie habe es in dem Moment gewusst, als sie die Haustür öffnete und die beiden Polizisten vor sich stehen sah. Dennoch ruft sie nach ihren Kindern: ihr habt falsch geparkt, ihr müsst eure Autos woanders hinstellen. Dann schaut sie die Polizisten an und schüttelt den Kopf, bitte gehen sie wieder, gehen sie, sagen sie nichts, nehmen sie es einfach wieder mit, gehen sie.
Doch der Sohn und die Tochter drängen im Flur an ihr vorbei, bitten die Polizisten ins Haus, sie fragen, wo ist es passiert, wann, und weshalb, sie wiederholen ihre Fragen und die Polizisten antworten immer dasselbe. Sie bleibt im Flur stehen und hört von dort ihre Stimmen. Sie möchte nicht ins Wohnzimmer gehen, wo die Kerzen am Weihnachtsbaum Wärme und Festlichkeit verbreiten, in buntes Papier eingewickelte Päckchen auf der Fensterbank liegen und das gute Geschirr auf dem geschmückten Tisch steht. Sie lehnt die Stirn an das Glas der Haustür und schlingt die Arme um sich, steckt die Hände unter die Achselhöhlen.
Als ich den Pullover für ihn gekauft habe, denkt sie, der jetzt mit den anderen Geschenken auf ihn wartet, da hatte er noch zwei Wochen zu leben. Und jetzt ist der Pullover noch da und er ist fort, er wird ihn niemals tragen, ich werde ihn aufbewahren und vielleicht werde ich ihn jemand anderem schenken und bis dahin wird er eingepackt bleiben. Mein Mann ist tot, denkt sie und alles, an was ich denken kann, ist dieses Stück Wolle. Sie holt tief Luft, sie erinnert sich an ihre letzte Begegnung. Er hat sich von ihr verabschiedet, was nicht selbstverständlich war, denn er ging häufig auf Geschäftsreisen und es kam nicht selten vor, dass er aufbrechen musste, wenn sie noch nicht wieder zu Hause war. Er fuhr an ihr vorbei, als sie vom Einkaufen nach Hause kam und hielt das Auto am Straßenrand an, stieg neben ihrem Fahrrad aus und gab ihr einen Kuss. Sie sprachen kurz über das bevorstehende Fest und er versprach ihr vorsichtig zu fahren und rechtzeitig wieder zurück zu sein. Er fuhr davon und sie blickte dem Wagen noch einen Moment nach, bevor sie das Rad abstellte und ins Haus ging.
Sie steht im dunklen Flur, lauscht den Stimmen aus dem Wohnzimmer und denkt an die letzte Radtour mit ihm im Herbst. Sie hatte vom Rad steigen und es schieben müssen, als es den Hügel hinauf ging, er war weiter gefahren, hatte sich nach ihr umgedreht und gelacht und oben auf sie gewartet. Hatte er sich da nicht kurz an die Brust gegriffen, als er dachte, dass sie nicht hinsieht? Hatte sie ihn nicht darauf ansprechen wollen?
Die Geräusche aus dem Wohnzimmer verstummen. Die Polizisten haben alles gesagt, was zu sagen war und verlassen das Haus. Sie steht mit den beiden Kindern im Flur, Kinder, denkt sie, ich nenne sie immer noch Kinder, obwohl sie doch seit vielen Jahren erwachsen sind und bald eigene Familien gründen werden. Sie schaut sie an, ich will zu ihm, sagt sie und weiß doch, dass er nirgendwo mehr ist, wo sie hingehen kann.
Die Tochter packt ihr ein paar Sachen in eine Reisetasche, dann setzen sie sich ins Auto und fahren in die Stadt, in der ihr Mann gestorben ist. Es ist nachts, die Straßen sind leer, die Menschen sind zu Hause, sie essen zusammen, beschenken sich und feiern Weihnachten. Sie schaut aus dem Autofenster. Der Himmel ist schwarz wie Tinte, keine Wolke verhüllt den Mond und egal, wie lange sie schaut, der Mond bleibt immer sichtbar und begleitet sie. Sie beginnt zu singen und der Sohn und die Tochter fallen mit ein:
Guter Mond, du gehst so stille in den Abendwolken hin.
Bist so ruhig und ich fühle, daß ich ohne Ruhe bin.
Traurig folgen meine Blicke deiner stillen, heitern Bahn.
O, wie hart ist mein Geschicke, daß ich dir nicht folgen kann.
Guter Mond, dir darf ich´s sagen, was mein banges Herze kränkt,
und an wen mit bittern Klagen die betrübte Seele denkt!
Guter Mond, du sollst es wissen, weil du so verschwiegen bist,
warum meine Tränen fließen und mein Herz so traurig ist.
Jahrelang hatte sie dieses Lied den Kindern vorgesungen ohne zu wissen, dass es ein Trauerlied war. Nur Tränen fließen keine, sie sitzen schweigend im Auto, jeder hängt seinen Gedanken nach.
Sie werden sich ein Zimmer in dem Hotel nehmen, in dem er starb und sie werden sich den Aufzug anschauen, in dem er starb, sie werden wortlos auf den Teppichbelag starren, auf die Knöpfe und Schalter und sie werden es vermeiden, sich anzusehen. Im Erdgeschoss werden die Hotelgäste sich darüber beschweren, dass der Aufzug im vierten Stock festgehalten wird und sie wird zu ihnen gehen und ihnen sagen, heute morgen ist mein Mann in diesem Aufzug gestorben, er hatte einen Herzinfarkt, er hat nicht gelitten, es ging ganz schnell, ein Zimmermädchen hat ihn gefunden. Ein Hotelangestellter wird ihren Arm nehmen und sie wegführen, die Leute werden hinter ihr her starren, einige werden den Kopf schütteln oder die Lippen aufeinander pressen, dann werden sie in den Aufzug steigen und auf den Boden zu ihren Füßen starren, während sie zu ihren Zimmern hochfahren und am Handy jemandem von dieser merkwürdigen Begebenheit erzählen.
Sie wird mit ihren Kindern am nächsten Tag nach Hause fahren und dort werden sie die Beerdigung organisieren, einen Grabstein aussuchen und den Text für die Zeitungsanzeige schreiben. Sie wird die Leute darum bitten, sie nicht zu umarmen und ihr nicht die Hand zu geben am Grab, einige werden es dennoch tun und sie wird mit geradem Rücken da stehen und denken, dass sie doch eigentlich auch weinen sollte. Sie wird das Haus verkaufen und sein Auto, sie wird den Pullover und seine Kleidung verschenken und sie wird in eine Wohnung ziehen, aufhören zu arbeiten und sich eine ehrenamtlich Aufgabe suchen.
Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes wird sie eines Nachts mit dem Fahrrad über die schneebedeckten Felder fahren, es wird Vollmond sein und sie wird nach oben schauen, das Mondlied singen und auch dann nicht damit aufhören, als ihr ein Nachbar begegnet, der seinen Hund ausführt. Sie wird weinen und lächeln, der Mond wird sein Silber über den Schnee fließen lassen und sie wird fest in die Pedale treten und den Hügel in einem Schwung hinauf fahren ohne abzusteigen.
Aber von all dem weiß sie noch nichts. In das eingefrorene Bild vom Anfang kommt jetzt wieder Bewegung. In diesem Augenblick kommt sie gerade aus der Küche, sie steht sie an der Tür und wischt sich die Hände an der Schürze ab, bevor sie nach der Türklinke greift, um sie hinunter zu drücken.

Januar 8th, 2009 at 20:37
Mhm.
Auf jeden Fall sehr gut geschrieben! Was brachte Sie zu diesem Artikel?
Ich entschuldige mich von vornherein für meine Neugierde.
Januar 8th, 2009 at 20:58
Schreibense doch mal wieder ein Buch, bitte.
Und dann wüsste ich gern, ob Sie damit einverstanden wären, dass ich die Geschichte in meinem Unterricht verwende. Wenn Sie einverstanden sind und gerne einen AutorInnennamen jenseits von Syberia darunter gelesen haben möchten, könnten Sie mir diesen per Email an as@apfelhexe.de mitteilen.
Januar 8th, 2009 at 21:48
@Frau Sheherazade: Nein, es ist in letzter Zeit niemand gestorben. den ich kannte. Alles von A bis Z erfunden. Vor einiger Zeit habe ich irgendwo gelesen, dass Hotelangestellte von einer “kalten Abreise” sprechen, wenn ein Gast im Hotel stirbt. Das habe ich mir gemerkt, um es irgendwann mal in einer Geschichte zu benutzen. Dann warf ich heute einen Blick aus dem Fenster, es liegt Schnee, Weihnachten war gerade – und der Rest ergab sich während des Schreibens. Das ist schon alles.
@apfelhexe: Bitte sehr. (Sie sollten den Text allerdings auf Rechtschreib- und Grammatikfehler durchgehen, den ich habe ihn einfach runtergetippt
.)
Januar 8th, 2009 at 22:15
mir fällt 1 stein vom herzen
diese geschichte ist wie alle guten geschichten viel zu echt.
Januar 8th, 2009 at 22:18
Einfach so runtergetippt…na.
Aber auf jeden Fall meine Hochachtung.
Januar 8th, 2009 at 23:29
Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie jemanden kannten und darum diese Geschichte schrieben. Ich war, bin und werde neugierig sein, was manche Menschen dazu treibt, das zu tun, was Sie eben tun. So auch heute.
Sie haben ein Buch geschrieben?
Januar 9th, 2009 at 04:44
Normalerweise versteht man unter einer “kalten Abreise” einen Sprung aus einem Hotelfenster oder -balkon. Deswegen lassen sich auch die Fenster im Hotel nur noch kippen.
Aber generell ist mit einer “kalten Abreise” tatsächlich gemeint, dass jemand lebendig anreist und tot rausgetragen wird. Oder zusammengeschaufelt wird.
Ihre Variante ist noch die “netteste”. Unter einer kalten Abreise versteht man an sich einen Selbstmord.
Januar 9th, 2009 at 08:45
@Frau mariong und Remington: Merci vielmal. (Schweizerisch für “Vielen lieben Dank.”)
@apfelhexe und Sheherazade: Es gibt leider keinen Markt für solche Kurzgeschichten.
@Frau Doktor: Meinen Informationen nach ist gemeint, dass der Gast lebendig anreist und das Hotel als Leiche – eben kalt – verlässt.
Januar 9th, 2009 at 11:14
Jetzt muss ich – als langjährig treue stille Leserin – doch mal neugierig fragen: Sind Sie Schweizerin? Weil normalerweise können Menschen aus dem ‘grossen Kanton’ nämlich kein Schweizerdeutsch schreiben (geschweige denn sprechen).
Eine wunderbare Geschichte, um das auch gesagt zu haben.
Januar 9th, 2009 at 12:24
Wir sind der Markt. Widerstand ist zwecklos.
Januar 9th, 2009 at 15:12
Ich schließe mich Apfelhexe an, ganz klar.
@ Monika: Ich bin (auch) Deutsche und kann teilweise auch Schweizerdeutsch schreiben bzw. sprechen – fremde Sprachen oder Dialekte haben mich von jeher fasziniert.
Januar 12th, 2009 at 19:56
Nun hat ihre Geschichte eine ganz andere Bedeutung für mich – mein Großvater starb gestern am frühen Abend.
Verstehe die Protagonistin nur allzu gut.
Januar 13th, 2009 at 21:25
Das tut mir leid für Sie
.
Januar 13th, 2009 at 22:30
Danke.
Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, stirbt meine Oma gleich hinterher. Seit heute ist sie im Krankenhaus, Operation auf Verdacht hat keine Ergebnisse ergeben, dafür einen künstlichen Darmausgang…
Meine Schwester haben wir mit ihrem Kater in eine Tierklinik gefahren, er muss bis Donnerstag in der Klinik bleiben. Es besteht Verdacht auf Diabetes, evtl. auch Karzinome…
Zu alldem kommt noch, dass unser Auto seit heute abend putt ist – Auspufftopf ist abgerissen, als wir meine Schwester wieder heimfahren wollten – Wagen wurde abgeschleppt, fast zwei Stunden haben wir in der Kaelte gesessen, weil auch die Batterie nich mehr so wirklich wollte…
Das neue Jahr faengt schon sehr gut, meinen Sie nicht auch?
Ich will schon jetzt meinen Sommerurlaub haben, am liebsten eine einsame, kleine Insel…
Januar 14th, 2009 at 13:16
Ich wünsche der Oma unbekannterweise gute Genesung. (Kein Befund und dennoch eine solche Maßnahme?)
Januar 14th, 2009 at 13:34
Mein Vater hat berichtet, dass der Bauch sehr schlimm ausgesehn haben muss, darum hat man sie operiert, um herauszufinden, warum.
Heute steht ein CT an, mal sehn, was das für Ergebnisse bringt…