Bleib mir vom Hals, Weihnachten!
Dienstag, 9. Dezember 2008 geschrieben von SyberiaWenn – mal wieder – im Radio ein gewisses Sängerduo musikalische Ohren mit Ihrem Lamentieren darüber malträtiert, dass sie – schon wieder – ihr Herz zu Weihnachten der Falschen geschenkt haben, dann halten wir es lieber mit Crocodile Dundee: “When I give my heart to you, I have none and you have two.” Wenn also Glühweingerüche durch die Fußgängerzone wabern, in den Fenstern der Hochhaussiedlung grellbunte Lichtlein um die Wette blinken, Schwiegermutti am kratzigen Pullover mit Teddybär-Motiv für den 46-jährigen Schwiegersohn strickt, Frauen überall in der Wohnung Staubfänger in Form von Engeln aus Pappmaschée, Zuckerstangen aus Plastik und Sterne aus Sperrholz verteilen und strahlende Kinderaugen den brennenden Adventskranz betrachten, dann, ja dann brechen schwere Zeiten für uns an. Für uns, die Weihnachtshasser.
Bei diesem Wort sind Sie jetzt ein bisschen zusammengezuckt, nicht wahr? Vielleicht möchten auch Sie lieber zur großen Masse der Weihnachtsstreber gehören? Zu denen, die blechweise Plätzchen backen, auch dem Schwippschwager des angeheirateten Onkels in Hintertupfingen eine eigenhändig beklebte Weihnachtskarte schicken, die seit Jahrzehnten in Familienbesitz befindliche, handgeschnitzte und erzieherisch korrekte Krippe aufstellen, den Stand der Nordmanntanne mit der Wasserwaage justieren und Katz oder Hund eine Extraportion Rinderfilet in den mit einer roten Schleife verzierten Napf füllen?
Nicht? Sie bekennen Sich zu Ihrer Veranlagung? Sie hassen Weihnachten? Gut, gut. (Einen Moment lang waren wir etwas beunruhigt.)
Outen Sie sich – und rüsten Sie sich. Dieses Mal trifft es Sie nicht unvorbereitet. Dieses Mal sind Sie der nervtötenden Jahresendzeitfeier nicht schutzlos ausgeliefert! (An dieser Stelle phantasieren Sie bitte einen dramatischen Trommelwirbel): Hier ist Ihr perönliches X-Mas-Surviving-Set!
Es enthält
- Eine Rolle nicht reflektierender Tesafilm zum spurlosen Wiederverschließen doofer, hässlicher und/oder langweiliger Weihnachtsgeschenke, mit denen man selbst überhaupt nichts anfangen kann und die man daher selbstlos dem Geschenkekreislauf zurückführen möchte.
- Eine 500er-Magnum-Halbautomatik mit Ersatzmunition. Bestens geeignet zur Abwehr aufdringlicher Sternsänger und um sich den Weg durchs übliche vorweihnachtliche Kaufhausgedränge zu bahnen. (Verdammt. Mussten wir leider streichen. Das Gesetz, die allgemein reizbare Gemütslage der Nation an Weihnachten und unsere Muttis verbieten es.)
- Ein Beutelchen Schwarzpulver. Zunächst schichten Sie alle doofen, hässlichen und/oder langweiligen Geschenke, die man aus welchen Gründen auch immer nicht selbstlos dem Geschenkekreislauf zurückführen können (zum Beispiel, weil Sie selbst vor Jahren der Ursprungsschenker waren) zu einem Haufen auf. Lunte ins Beutelchen stecken, anzünden, in die Luft jagen. Unauffällig vom Tatort entfernen. Irres Lachen und das Streicheln von weißen Langhaarkatzen dabei vermeiden. Dunkle Bärte bitte vorher abrasieren, eventuelle exotische Kopfbedeckungen abnehmen und auf das Rufen islamischer Parolen möglichst zur Gänze verzichten.
- Extra kalorienreiches Rentiermastfutter. Füttern Sie die verdammten Biester so fett, dass sie samt Schlitten durchs Dach des Nachbarn brechen, der uns mit seinem Weihnachtsdekolichtergeblinke schlaflose Nächte verschafft, in denen wir uns nicht in Klein-Dusterhausen sondern in Las Vegas wähnen, nur ohne die tollen Spielcasinos, Shows und halbnackten Frauen.
- Eine Schachtel Ohrenstöpsel. Oder sind Sie etwa einer von denen, die heimlich mitsummen bei “Last Christmas”, “Winter Wonderland” und wie diese ganzen Schmonzetten noch alle heißen?! Nicht? Sind Sie sicher?! Sind Sie sicher, dass Sie sicher sind?! Na, dann ist ja gut. Sonst wären wir keine Freunde mehr und wir könnten Ihnen auch nicht dieses formidable X-Mas-Surviving-Set zum Kauf überlassen.
- Eine Atemmaske. Schützt zuverlässig vor den Ausdünstungen von Räuchermännchen, Glühweinständen, Parfumpröbchenverteilern und im Weihnachtsstress schwitzenden Mitmenschen.
- Ein Häkelschweinbuch. Für den Fall, dass Sie merken, es hat doch alles nichts genützt, Sie verspüren trotz aller ergriffenen Maßnahmen den tiefen, heftig empfundenen, kaum widerstehbaren Wunsch, dem Typ im roten Mantel, der seit Stunden an der Ecke steht, nervtötend bimmelt und zwischendurch “Ho-ho-ho!” ruft mit aller Gewalt den Hals umzudrehen, bis Sie das Genick knack-… ähem… uhm… also für diesen Fall sollten Sie unbedingt ein Häkelschweinbuch parat haben. Begeben Sie sich zu Bett, ziehen Sie die Decke über sich und warten Sie frohen Mutes auf den Autoren. Der wird nämlich auf Ihrer Bettkante Platz nehmen und Ihnen vorlesen. (Das bekommen Sie sogar schriftlich, das steht hinten auf dem Buchumschlag!)
Das ganze Set bekommen Sie für lächerliche 100 Euro plus Mehrwertsteuer, wobei wir einhundert Prozent des Erlöses für einen guten Zweck spenden. Kauft! Wenn mindestens zehn Leute ein X-Mas-Survival-Set bei mir kaufen, kann ich mit dem Geld in sonnige Gefilde fliegen und dort warten, bis der ganze Zinnober vorbei ist ( = der Tag, an dem der letzte Tannenbaum von der Müllabfuhr abgeholt wird).

Dezember 9th, 2008 at 20:09
Och, nun ja. Seit jeder Zwang weg ist, und immer mehr in meiner Bekanntschaft auch zu zu Weihnachtsskeptikern geworden sind, bin ich mit den Festivitäten versöhnt. Ich sehe das ganz relaxt …
Dezember 9th, 2008 at 22:30
We are not alone:
Alfred Hitchcock, Gottfried Keller, Agatha Christie sowie Greta Garbo und Sophia Loren sind auch mit von der Partie. Ich habe noch mehr davon, wollte aber das angebliche Fest letztes Jahr nicht zu sehr stören.
Dezember 9th, 2008 at 22:59
Was den abendlichen Vorleseservice betrifft, so ist der aufgrund der hohen Nachfrage nur noch für attraktive Nymphomaninnen im Buchpreis inbegriffen.
Dezember 10th, 2008 at 09:28
@Kristof: Ich bin dieses Jahr genervt. Für meine Eltern habe ich zum Beispiel noch immer kein Geschenk. Per Zufall erfahre ich, dass in ihrem Heimatort ein bestimmtes Konzert gegeben wird, will begeistert Karten kaufen, rufe zum Glück aber vorher an. Und was höre ich? “Ach, lass mal… da wollten wir sowieso hin… Karten kaufen wir uns selbst… du brauchst uns nichts schenken…” Ansonsten haben sie schon alles, nur keine Hobbies. Aber wehe, ich schenke wirklich nichts…
@Herr Horbach, ich äußere mich besser nicht dazu. Nachher liest die Kripo hier noch mit…
Herr Häkelschwein, davon steht aber nichts im Kleingedruckten! Versprochen ist versprochen! Ich erwarte Sie also bei Bedarf (und beschütze Sie auch vor Herrn A.).
Dezember 10th, 2008 at 09:33
Wir haben hier dieses Jahr genug Selbstgemachtes (Äppler, Wein, Sauerkraut etc.), dass man auch solch undankbare Verwandschaft beschenken könnte. Meine rest-verwandschaft ist aber zum Glück handzahm …
Dezember 10th, 2008 at 09:57
Das klingt ja nach noch mehr Arbeit… Ich finde, Nikolaus war Festivität genug, Weihnachten kann dieses Jahr ausfallen.
Dezember 10th, 2008 at 10:06
Nun, allein zum Verschenken haben wir das nicht gemacht …
(Und hier: “Vorschule für hochbegabte Kinder im Ruhrgebiet”, kann das sein?)
Dezember 10th, 2008 at 11:17
also mein kleiner mann freut sich sicher mindestens 2 min über den mühsam angeschleppten und aufgeputzten baum
ich für meinen teil werde meiner mutter eine schöne holzschachtel mit sehr teurem rotwein schenken und weil ich ja noch nie ein guter sohn war min 2 flaschen gleich nach dem auspacken selber austrinken
)
flucht ist keine lösung
Dezember 10th, 2008 at 13:39
Ich wollte mir zu Weihnachten mal das Buch schenken von dem Typ, dem Sie damals Ihr antv.-konto vermachten. Dachte, nach so langer Zeit und weil wieder Buchmesse war, ist es- war es nicht ein Krimi- da. Wieder nichts. keine Ankündigung, Empfehlung, Hinweis. Stattdessen ein text mit “Eine 500er-Magnum-Halbautomatik mit Ersatzmunition.” um sich im Kaufhaus den Weg frei schießen zu können. Weihnacht scheint Sie wirklich zu verändern. Ich mag W., weil da einiges still steht, weil da eine Art Amnestie herrscht für ein paar nervige Termine, weil ich da immer ein paar freie Tage habe, weil man da etwas faulenzen kann.
Dezember 10th, 2008 at 13:45
Man könnte ja auch mal ein Ingeborch-Buch verschenken.Dezember 10th, 2008 at 15:41
@Kristof: Ja, das kann sein. Es hat sich alles haargenau so zugetragen, ich schwöre beim Leben von “Wham!”.
@dkh: Aber Alkohol! Gute Idee, danke!
@Herr Schmerles: Jetzt habe ich es zweimal durchgelesen und verstehe Ihren Kommentar noch immer nicht. Mein antsip-Nachfolger ist damals so nett behandelt worden, dass er kaum etwas geblogged hat. Er schreibt zwar Kriminal- und Science-Fiction-Romane, aber auf englisch und unter einem anderen Namen als dem, den er sich fürs Blog zugelegt hatte. Ich habe das Blog dann seinerzeit wie verlangt an Frau Kasi gegeben und diese hat es dann Herrn Paulsen überlassen. Da ich ihn nicht lese, weiß ich nichts von einem Buch von ihm.
Faulenzen würde ich Weihnachten gerne, aber wir müssen die Verwandschaft besuchen, kochen, putzen, Geschenke kaufen und nebenher “normal” weiter arbeiten
.
Dezember 10th, 2008 at 16:40
24. hier: http://www.walliserhof.at/de/
Saufen bis der Arzt kommt!
Dezember 10th, 2008 at 16:58
Wir dürfen so etwas nicht, meine Schwester hat es vor 15 Jahren einmal gewagt, Weihnachten auf einer warmen Insel zu verbringen, da ist die Familie heute noch nicht drüber hinweg. Mmh, “Wally Honigmassage” klingt himmlisch, aber wo ist der Unterschied zwischen “Zimmer als Komfort” und “Komfort plus Zimmer”? Ist das was österreichisches?
Dezember 10th, 2008 at 17:16
0 Ahnung
Genaugesagt ist’s praktisch Schweiz dort – Vorarlberg – und das ist ja wieder eine eigene Welt!
Dezember 10th, 2008 at 18:44
Ich dachte halt, Sie sagen mal, wer der Autor war. Damit mans weiß und ihn lesen kann. Schöne Fotos hatte er veröffentlicht.
Dezember 11th, 2008 at 12:03
Ja. Weihnachten wäre so eine schöne Gelegenheit allen endlich mal zu sagen, wie sehr sie einem auf den Wecker gehen und was man schon immer gehasst hat. Stattdessen geht man von jahr zu jahr mehr in die knie, hängt seine zeit daran geschenke zu besorgen und leute zu besuchen, die dann einmal im jahr eine gefühlsduselei erwarten, dass einem vorher schon ganz schlecht wirdi.
Und: mit Kind bin ich natürlich voll eingestiegen ind diesen adventswahn, basteln, backen, türchen aufmachen, weihnachtsbaum schmücken. es soll ja eine schöne kindheit haben.
Und: plötzlich interessiert sich eine verwandschaft für einen, leute, die dich jahrelang nicht mit dem allerwerte…angeguckt haben, scharwenzeln um einen herum und erwarten plötzlich verwandschaftliche liebe und süße, nur weil man plötzlich selbst 1 kind hat.
mir liegt das überhaupt nicht.
Dezember 11th, 2008 at 12:54
Mich nervt nur die Hektik, die immer alle entwickeln, wenn es auf Weihnachten zugeht. Das ist im Geschäftsleben nicht anders als im Privaten. Als Kind, erinnere ich mich, war mir das wohl sehr schnuppe. Jedenfalls hat es meine Vorfreude in der Weihnachtszeit nicht beeinflusst.
Meine Frau und ich feiern Weihnachten. Wir stimmen uns ein seit dem 1. Advent, hören Weihnachtslieder und schmücken unsere Wohnung. Nee, wir wollen nicht auf Weihnachten verzichten. Auch wenn’s manchmal etwas nervt oder besser gesagt, wenn unsere Mitmenschen uns nerven.
Deinen Artikel finde ich trotzdem richtig prima! Ich habe herzhaft gelacht. Ich wünsche eine besinnliche Weihnachtszeit.
Dezember 11th, 2008 at 13:43
” … 500er-Magnum-Halbautomatik mit Ersatzmunition”
… dass nenn’ ich mit Kanonen (wörtlich!) auf Spatzen geschossen
Dezember 11th, 2008 at 16:37
Ich mag mein kleines Weihnachten – nicht dass ich viel für tu’, Adventkranz, besinnliche Gedanken, die kaputtgespielten saisonalen Sampler ersetzen. Geschenke nehme ich normalerweise aus London einen Sack Bücher mit, und gut ist. Weltfrieden, blabla.
Paar Flaschen Schampus gehen noch raus an die Lieben (Nicolas Feuillatte wasweißich), von wg. es gilt, das wirklich letzte der fetten Jahre abzufeiern.
Was ich nicht verstehe sind jene, die über Hektik und/oder Konsumterror jammern – die Leute nerven mich – da muß keiner mitmachen.
Dezember 12th, 2008 at 06:00
[...] Bleib mir vom Hals, Weihnachten! [...]
Dezember 14th, 2008 at 18:26
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