Herr Clement,

Dienstag, 25. November 2008 geschrieben von Syberia

Sie lassen das Volk heute wissen, dass Sie sich ob der öffentlich ausgesprochenen Rüge drangsaliert fühlen und verlassen deshalb die SPD.

Mit Verlaub: Sie haben nicht die leiseste Spur einer Ahnung, was es heißt, drangsaliert zu werden. Sollte der unwahrscheinliche Wunsch Sie treiben, dies zu ändern, dann setzen Sie sich auf den Fluren eines Arbeitsamtes Ihrer Wahl neben einen dort wartenden Menschen und fragen Sie ihn nach seinen Erfahrungen mit diesem Moloch, mit den Formularen und Bestimmungen, mit der Suche nach Informationen und Ansprechpartnern. Vielleicht lässt man Sie sogar einen Blick auf die Kontoauszüge werfen, die diese Leute vorzeigen müssen, um ihr Arbeitslosengeld 2 zu bekommen, das für das Frühstück eines Kindes 88 Cent und für Bildung 0 Euro vorsieht.

Was glauben Sie wohl, Herr Clement, wie viele dieser Drangsalierten gerne dieses System verlassen möchten, an dem Sie mit Hilfe der Agenda 2010 maßgeblich mitgebastelt haben?

Hire and Fire war gestern. Heute ist Leiharbeit, deren Segnungen Sie so gerne lobpreisen. Leider vergessen Sie immer zu erwähnen, wen dieses System tatsächlich segnet. Wohl kaum jene, die für den Bruchteil des Lohnes der “Kollegen” schuften, mit denen sie in den Hühnerboxen von Call-Center-Jobmaschinen sitzen oder Seite an Seite bei Opel an den Fließbändern stehen. Pardon. Es muss natürlich heißen “gestanden haben”. Leiharbeiter haben in den vergangenen Tagen ja als Erste gehen müssen, weil man sie nicht einmal entlassen muss. Obwohl dieses Menschenmaterial diese Human Ressources doch so billig und willig waren. Und so praktisch. Mucken nicht auf, weil sie sonst halt rausfliegen, kosten wenig Lohn, keine Sozialabgaben, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, kein Urlaubsgeld, keine Zuschläge für Nacht- und Sonntagsschichten.

Herr Clement, wissen Sie eigentlich noch, wer all diese Errungenschaften erstritten und teilweise mit dem Leben bezahlt hat? Nicht? Aber wen diese Zustände segnen, das wissen Sie doch sicher? Das sind die, deren einzige Aufgabe darin besteht, von ihren bequemen Sesseln aus für eine möglichst lückenlose Vermietung der Billigarbeiter zu sorgen und die Steuerzahler für die Lücke blechen zu lassen, die allzu oft zwischen den gezahlten Löhnen und dem Existenzminimum klafft. Zum Beispiel Menschen, die in den Vorständen der großen Zeitarbeitsfirmen sitzen. Wie zum Beispiel Adecco.  Wie zum Beispiel Sie, Herr Clement.

Menschen wie Sie, Menschen, die zusätzlich noch im Aufsichtsrat des RWE sitzen und die Interessen dieses Atomstromlieferanten höher einstufen, als die Interessen der eigenen Partei. Sich dann noch darüber zu empören, für eine solche Haltung gerügt zu werden, das ist an Dreistigkeit kaum noch zu überbieten.

Ach, Herr Clement, nageln Sie sich Ihr Parteibuch doch ans Knie. Aber feste bitte.

Grußlos

syberia

35 Antworten to “Herr Clement,”

  1. Sheherazade Says:

    Ich stimme ihnen vollkommen zu! In jedem Punkt!
    Toller Artikel!

  2. Börni Says:

    Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten.

  3. Christian Says:

    .

  4. Kristof Says:

    Man mag gar nicht mehr zugucken …

  5. schmerles Says:

    Jetzt muß man aber nicht glauben, dass der Clement der einzige SPDler ist (war), denn die RWE im Sack hat

  6. Bitte gehen Sie zur Frau syberia - just another weblog Says:

    [...] Herr Clement, […] Mit Verlaub: Sie haben nicht die leiseste Spur einer Ahnung, was es hei&#223… Kommentare [...]

  7. u1amo01 Says:

    Nachgetreten…

    Für die erstaunlichen Vorgänge rund um Herrn Clement fehlen mir die Worte. Das Hackblog hat sehr passende gefunden….

  8. Rote Socke Says:

    Volle Zustimmung! Es ist erstaunlich, welch Sinneswandel Rot/Grün nach der Machtübernahme durchgemacht haben.
    Aber wo ist die Alternative im Land? Das Rot/Grün nicht besser sind, als die, die Jahre lang an der Macht waren ist die eine Sache. Viel trauriger und schlimmer ist jedoch, das die Alternativen nicht mehr existieren. Momentan ist jeder Player im Politikmarkt fern ab jeglicher Realität. Glaubhaft ist keiner, vertrauen kann man keinem und die Zukunft ist schwarz. Den egal wer an die Macht kommt, wird diesen Staat nicht zum Besseren bringen.

  9. Brandbrief an Clement | QuerBlog Says:

    [...] hackt aber einer ordentlich auf Herrn Clement herum. Mein Ärger war dagegen eher harmlos. Der Artikel trifft [...]

  10. dasmiest Says:

    Sehr unterschreib. Bitte abschicken an den Herrn.

  11. Quirinus Says:

    Danke.

  12. Murphy Says:

    Dito.
    Hätte man das Geld, sollte man für diesen Text Anzeigen schalten….

  13. Stockfisch Says:

    Was mich dabei am meisten an der SPD ärgert ist das die dem immer noch die Stange halten und seine privaten Geschäfte herunterspielen.
    Ganz so als ob das Mitwirken bei RWE und Adecco bei seinen Entscheidungen keine Rolle gespielt hat. Dabei ist er einer der größten Lobbyisten die herumlaufen.
    Sein Marktwert wird jetzt ein bisschen sinken. Aber er hat ja bereits Geld genug verdient.
    Man sollte diesen Typen so schnell wie möglich vergessen. Mehr ist er moralisch betrachtet nicht wert.

  14. Die Zukunft ist vorbestimmt, aber die Vergangenheit ist gestaltbar | F!XMBR Says:

    [...] Herr ClementMit Verlaub: Sie haben nicht die leiseste Spur einer Ahnung, was es heißt, drangsaliert zu werden. Sollte der unwahrscheinliche Wunsch Sie treiben, dies zu ändern, dann setzen Sie sich auf den Fluren eines Arbeitsamtes Ihrer Wahl neben einen dort wartenden Menschen und fragen Sie ihn nach seinen Erfahrungen mit diesem Moloch, mit den Formularen und Bestimmungen, mit der Suche nach Informationen und Ansprechpartnern. Vielleicht lässt man Sie sogar einen Blick auf die Kontoauszüge werfen, die diese Leute vorzeigen müssen, um ihr Arbeitslosengeld 2 zu bekommen, das für das Frühstück eines Kindes 88 Cent und für Bildung 0 Euro vorsieht… [...]

  15. Ulf Says:

    Das musste mal gesagt werden. Danke, Frau Syberia. Nur Ihre Empfehlung mit dem kniegenagelten Parteibuch ist mir zu lasch, zu wenig I.N.R.I. für Herrn Clement; vielleicht sollt’ er sich’s als Brett vor dem Kopf an die Stirn nageln?

  16. sven scholz - sagichdoch? » Und Tschüss, Clement. Und Tschüss SPD Says:

    [...] Clement muss ich nix schreiben, das hat die Frau Syberia umfassend und so Nagel-Kopf-treffsicherst getan, dem ist nichts [...]

  17. Wolfgang Clement - Ein schriller Abgang - SPREADY.net News & More Says:

    Wolfgang Clement – Ein schriller Abgang…

    [...] verstehen, dass Wolfgang Clement die SPD zu verlassen hat. Es kann niemandem ge [...]…

  18. Syberia Says:

    Offensichtlich stehe ich mit meinem Zorn nicht allein da. Da freut man sich doch auf die Neuwahlen im Januar…

  19. Schwarzmaler Says:

    Toller Artikel, so etwas hätte ich mir auf Seite 1 eines unserer großen Tageszeitungen gewünscht.

  20. links for 2008-11-27 « Nur mein Standpunkt Says:

    [...] Hackblog » Blog Archive » Herr Clement, Was glauben Sie wohl, Herr Clement, wie viele dieser Drangsalierten gerne dieses System verlassen möchten, an dem Sie mit Hilfe der Agenda 2010 maßgeblich mitgebastelt haben? (tags: politik) [...]

  21. somlu Says:

    Danke

  22. Clement drangsaliert « Somlus Welt Says:

    [...] Verfasst von somluswelt am 27, November 2008 Lesen! [...]

  23. Lumperladen » Blog Archiv » Brief an Herrn Clement Says:

    [...] Brief an Herrn Clement Dienstag, 25. November 2008 geschrieben von Syberia [...]

  24. Heinz- Werner Ewert Says:

    Das erbärmliche Gewurschtel um einen “doch so verdienten SPD-ler” macht einmal mehr deutlich, wie verkommen und verlogen es nicht nur in der deutschen Politik- und Wirtschaftslandschaft zugeht. Quer durch die Parteienlandschaften ist nachvollziehbar, daß viele in der Parteihirarchie nach oben gediente ” Volksvertreter” während ihres “Dienstes am Volke” in erster Linie daran gearbeitet haben, entsprechende Türen in der Wirtschaft für ihre nachpolitische Karriere zu öffnen. Hier ist Clement in gleichwertiger Gesellschaft mit einem ehemaligen Bundeskanzler, ein Wirtschaftsminister Müller, Strauss und Co pp. Aber nicht nur Politiker, nein auch Gewerkschaftler in entsprechenden Positionen unterliegen den Verlockungen des Geldes und der Macht. Die Liste kann endlos fortgeführt werden. Ich gebe zu bedenken, dass dieses Geschachere letztlich unser aller Geld kostet.

  25. Ungenannter Says:

    Moin,
    dein Brief hat mir so gut gefallen, dass ich ihn soeben in meinem Blog verlinkt habe.

    Grüße vom Ungenannten

    http://ungenannter.wordpress.com

  26. Ein offener Brief an Clement (ex-SPD)… « Wut! Says:

    [...] offener Brief an Clement (ex-SPD)… …kann im Hackblog nachgelesen werden. Herr [...]

  27. S-A-M Says:

    “Was will der Herr eigentlich noch in der SPD”, hatte ich mich immer gefragt. Jetzt ist er, dem-Himmel-sei-Dank, doch endlich auch selber drauf gekommen.

    Es spricht schon wirklich für sich, wie selbstgefällig dieser äußerst unangenehme Zeitgenosse ist: Da haben Sie ihm eine goldene Brücke gebaut, um ihm den demütigenden Parteiausschluss zu ersparen und er sch… drauf. (Sorry, aber anders kann man es wirklich nicht mehr ausdrücken.)

    Und ja. Mit vollen Taschen lässt sich wunderbar Beschlüsse fassen über Andere, deren Taschen immer leerer werden. Betrifft einen ja nie selber, gelle. Schmeißt diese elenden Böcke endlich raus aus unseren Gärten! Das wird doch in hundert Jahren nix!

    So gut der offene Brief auch tut. So sehr weiß man doch auch wie wenig er den Empfänger beeindrucken mag. Aber vielleicht ist er ja auch weniger für ihn bestimmt, als vielmehr für uns selber, um uns das Ungeheuerliche immer wieder bewusst zu machen.

    Herr Clement, ich Danke ihnen für einen weiteren Sargnagel in das Vertrauen der Bürger an die Politik(er)! (Ach so. Ganz vergessen. Ist ihnen ja sowieso egal.)

  28. klausilausi Says:

    *Stehende Ovationen*
    So, und dafür soll jetz gefälligst mal jemand einen Grimme-Preis vergeben!

  29. Kristof Says:

    He, Frau Syberia, sie wollen den Mann doch nicht auch noch demütigen, pfui! Außerdem stehen Sie mit Ihrer Meinung völlig allein, Clement bekommt in der Öffentlichkeit überall “zustimmende Zurufe”. So ist das nämlich!

  30. Sheherazade Says:

    So einen Schwachsinn kann auch nur ein Politiker verzapfen… Der beste Absatz ist der, in dem steht, dass seine Töchter das alles als “lächerlich” ansehen und er selbst als “unwürdig”…

    Soll er sich doch mal selbst arbeitslos melden, dann wird er sehen was unwürdig überhaupt bedeuten kann! Und seine Töchter haben ebenfalls keine Ahnung, wovon sie sprechen – aber die sind ja vorbelastet…

  31. John Dean Says:

    Tja – schöner Beitrag, außer, dass ich nach dem Lesen einen kurzen Moment eines leichten Grames verspürte, deshalb, weil das Nullerfolgsmodell Clement es wohl nicht einmal fertig bekommt, sich sein Parteibuch ans Knie zu nageln.

    Immerhin ist es schön, dass die deutsche Politik, ohnehin unerfreuchlich genug, mit Clements selbstironischen Abgang eine Unerfreulichkeit weniger zu verzeichnen hat.

    Vielleicht sehen wir Clement einmal künftig in einer Folge des Dschungelcamps. Denn genau da gehört er hin…

  32. Kristof Says:

    Frau Syberia, sind Sie im Urlaub gefahren?

  33. Syberia Says:

    Schön wär’s :-)

  34. Volker Schepker Says:

    Also ich hatte schon oft vor, irgendwas in meinem Blog zu dem geistigen Dünnpfiff zu schreiben, den viele Politiker in den letzten Jahren! so ablassen, aber irgendwie wäre da nichts vernünftiges bei rausgekommen.
    Danke für das Zusammenfassen in vernünftigen Worten für das, was viele andere und ich schon lange denken!

    Hab den Blog gerade erst gefunden, aber er landet schon in meiner Blogroll :D
    Schöne Vorweihnachtszeit noch!

  35. Lieber Herr Clement! « blog.unkreativ.net Says:

    [...] Klick! [...]