Ausbrecherkönig

Donnerstag, 23. Oktober 2008 geschrieben von Syberia

Als ich aus der Arztpraxis komme, stürmen die Kindergartenkinder von gegenüber gerade nach draußen.  Ein Junge von etwa fünf Jahren, der eine orange Mütze zu einer qietscheentchengelben Jacke trägt, hängt sich ans Tor und bittet mich, ich solle ihn rauslassen. Nee, wieso, frage ich und bekomme zur Antwort, er habe etwas Wichtiges zu erledigen. Nee, sage ich wieder, es hätte sicher einen Grund, dass das Tor abgeschlossen sei (seit wann bin ich eigentlich auf der Seite der doofen, langweiligen Erwachsenen?).

Aber de halten uns hier gefangen, flüstert der Junge und sieht hektisch über seine Schulter, wie in diesem Altenkratz, wissen Sie. Er macht runde Augen und schaut flehend (das kann er wirklich gut, das muss er geübt haben), als eine der Kindergärtnerinnen uns entdeckt und eilig zu uns läuft. Gordian wird getadelt (wer um Himmels willen nennt sein Kind nur so?) und ich belehrt, dass ich niemals und unter keinen Umständen das Tor zu öffnen hätte, sie hätten ein paar kleine Ausbrecherkönige und Gordian sei ihr Häuptling. Deshalb, sagt die Kindergärtnerin und seufzt leise dabei, geht es bei uns zu wie auf Alcatraz.

Wir winken uns noch kurz zu, ich amüsiert, er zu Tode betrübt, dann stürzt er sich mit Tarzangebrüll auf einen Holztrecker und ich gehe weiter die Straße hinunter.

11 Antworten to “Ausbrecherkönig”

  1. antidote Says:

    Der letzte Satz ist wirklich sehr gelungen, wirklich sehr.

  2. Sheherazade Says:

    Mein Ex ist mit seinem besten Freund auch ausgebrochen, beide wollten danach nicht mehr in den Kindergarten gehn; Begründung von beiden: “Die können ja noch nicht mal auf uns aufpassen.” So unrecht hatte er damit wohl nicht… Dort scheint man aus den Fehlern gelernt zu haben.

    Der Junge scheint es ähnlich faustdick hinter den Ohren zu haben.

    Zum Namen Gordian: Kein Kommentar…

  3. Ralf Says:

    Vielleicht hatte er einen Knoten ins Kondom gemacht und sie wurde trotzdem schwanger. Wer seinem Kind einen komischen Namen gibt, kommt auch auf komische Ideen.

  4. Menehune Says:

    Gordan, nicht Gordian-stinknormaler slawischer Name, dort drüben in etwa so seltsam, wie Ingeborg im deutschsprachigen Raum. Dafür Ingeborg im slawischen Raum-nun ja ;)

  5. outrage Says:

    ich lese immer “Grobian”…

  6. pepa Says:

    “Altenkratz” – großartig! :-)

  7. holden Says:

    ot – viel Spaß bei Cohen + bitte um ausführliche Eindrücke

  8. holden Says:

    ot – ich schaue grad die Staffeln vom US-’The Office’ durch. Meine Lieblingsszene soweit: Man sucht einen health care plan fürs Büro aus (Krankenkassen in dem Sinn gibts in Amerika ja nicht), und jeder soll (anonym…) seine Krankheiten aufschreiben, damit man sieht, was vom Versicherungsschutz abgedeckt werden müßte.
    Abschlußbesprechung – Frage von Hochroterkopf: “Who wrote this?? Inverted pen.s!”

  9. Syberia Says:

    Herr Holden, ich habe nur ein Wort dafür: wundervoll.

    Wie ich von meiner Mutter erfuhr, ist sie ihm in jungen Jahren persönlich begegnet. Muss ich mal aufschreiben, ist eine nette Geschichte. Herr A. hatte es besonders gut gemeint und uns Plätze auf der Empore besorgt. Ganz vorne. Ganz vorne, wo es gefühlte zehn Stockwerke abwärts ging. Ganz vorne, wo mir das Geländer nur bis zum Bauchnabel reichte und ich dauernd aufstehen musste, weil die Leute, die in der Mitte sitzen, bekanntlich immer diejenigen sind, die zu spät kommen. Ich habe Höhenangst und das war Konfrontationstherapie pur! Obwohl ich eine sehr nette Sitznachbarin hatte, die der Meinung war, beim fünften Mal hätte ich bereits sehr souverän gewirkt, mich nicht mehr ganz so stark an ihre Lehne geklammert und sogar relativ lässig weiter geatmet. Tell me sweet little lies. Trotzdem, solange er sang, konnte ich alles vergessen. Wenn ich dem Alter noch so fit bin (vier Stunden auf der Bühne und diese hüpfend verlassen), schätze ich mich glücklich.

    Uh. Die Behandlungsmethode möchte ich mir lieber nicht vorstellen…

  10. holden Says:

    Und so vollständig mit sich im Reinen… Börlin war leider O2-World, Luftlinie zur Bühne gefühlte 200m. Witzig beim Ostbahnhof, der Halle gegenüber: Ein Riesenschild “H4-World”, darunter “Willkommen in der Hartz4-Arena Berlin”, hehe.

    Mein 2. Favorit: Es werden Beschwerdebögen eingesammelt, und auf einem steht: “Ich habe mir mit dem Telefonhörer auf den Kopf gehauen.” Nix weiter.
    Erklärt wirds etwas später, als der verursachende Kollege im one-on-one meint: “Das war gar nicht so einfach! Ich mußte monatelang den Hörer mit Münzen beschweren, bis er sich ans Gewicht gewöhnt hatte, und dann…”

  11. Syberia Says:

    *hehehe*