Ich hatte sie alle
Sonntag, 8. Juni 2008 geschrieben von SyberiaDie schlimmsten und peinlichsten Studentenjobs liegen bei uns in der Familie. Mein Vater hat während seines Studium nächtens Eisenbahnwaggons im Akkord geschrubbt, Tabakpflanzen getrocknet, ist in Berlin als Bratwurst in den Straßen herumgelaufen und hat später am Fließband eines bekannten Würzmittelherstellers gestanden, wovon heute noch Kantinenbesteck in der Küchenschublade meiner Eltern zeugt (“Du, Papa, warum steht da Maggi auf der Gabel?” – “Äh… so heißt die Firma… äh… die das Besteck… äh… Oh, guck mal, das Eichhörnchen da hinten im Garten!”) Meine Mutter war Dienstmädchen (so richtig mit Häubchen und Schürze), hat in Weinbergen und auf Kartoffeläckern geschuftet, mit Bienenkorbfrisur und ausgestopftem BH auf Rollschuhen gekellnert und bei der Post im Briefmarken abgestempelt.
Ich selbst war während meiner Lehrjahre unterwegs als Nachhilfelehrerin, Küchenhilfe, Pferdepflegerin, Putzfrau, Zimmermädchen, Bürogehilfin, Briefzustellerin, Lagerarbeiterin, Lektorin, Eis-, Textil-, Buch-, Haushalts- und Süßwaren-Verkäuferin, Probandin für sozialwissenschaftliche und psychologische Tests, Empfangsdame, Zeichentrickfigur, Komparsin, Promoterin, Telefonverkäuferin, Bankangestellte, Rechercheurin, Headhunterin und Kundenberaterin. Das Einzige, wovor ich – buchstäblich in der letzten Minute – zurückgeschreckt bin, war mich als Versuchsobjekt für Medikamententests zur Verfügung zu stellen.
Als Küchenhilfe verdiente ich in einem bayrischen Traditionslokal am Tegernsee, das hauptsächlich aus einem Bierausschank bestand, 900 Mark im Monat – wovon ich 700 Mark gleich wieder abgeben musste für “Kost und Logis”. Kost bedeutete, das man ab 22 Uhr die Reste der angebotenen Speisen essen durfte (Wurstsalat, Presssack, Weißwurst und grau angelaufenes Tartarbrot) und dazu so viel Leitungswasser trinken, wie man wollte. Logis nannten sie das winzige Zimmer unterm Dach mit Lüftungsluke und einer Nasszelle, die sogar einen Hobbitt zur Verzweiflung getrieben hätte. Die Toilette befand sich direkt unter der Dachschräge, konnte nur robbend erreicht werden und auch das Waschbecken war zum Niederknien.
Im Ausgleich dazu hieß es täglich zehn bis zwölf Stunden am Stück in der Küche stehen und endlose Berge Kartoffeln schälen, Rettiche zu Ziehharmonikas schnitzen und Zwiebeln hacken. Der intensive Geruch von Zwiebeln, Bier und Essig konkurrierte auf Trefflichste mit dem süßlichen Vanilleduft des Lagerfeldparfums, das die Töchter des Chefs flaschenweise über sich gossen, um die Herkunft ihres Wohlstandes zu verschleiern. Diese Ausgabe musste allerdings woanders wieder eingespart werden und so gab es nur einen einzigen grauen, verfilzten Putzlappen. Mit diesem wurde sowohl die Theke, auf der das Fleisch zerkleinert wurde, als auch die Klobrillen der Gästeklos und alles andere abgewischt. Nein, das ist keine urbane Legende, das habe ich mit eigen Augen gesehen und nach meinem ersten Arbeitstag daher auf die “Kost” verzichtet (obwohl ich sie dennoch bezahlen musste).
Eines Abends trennte ich mir beim Tomatenschneiden den halben Daumen ab und bekam eine Art Miniaturkondom darüber gezogen – nicht aus Fürsorge, sondern damit ich nicht das teure Essen voll blutete. Um vier Uhr nachts wachte ich dann auf, weil mein Daumen auf das Dreifache seiner ursprünglichen Größe angeschwollen war und mein Arm bis hinunter zum Ellbogen höllisch schmerzte. Ich fragte mich zum nächsten Krankenhaus durch und nach nur einer Stunde Fußmarsch im Dunkeln nähte man mir meinen Finger dort wieder an – und schrieb mich für drei Tage krank. Die Krankschreibung bedeutete die fristlose Kündigung (“Mer könne hier nur Leut’ g’brauche, wo schaffe wolle und auch a Freud habbe am Schaffe!”) und den Verlust meiner ersten eigenen Behausung.
Ich ließ mich als Pferdepflegerin auf Sylt anwerben. Pferde gab es in der netten Familienpension zwar vier Stück, um die kümmerten sich aber die Töchter der Inhaberin. Die Ställe auszumisten und das Sattelzeug zu pflegen traute man mir aber zu, genauso wie das Aufräumen und Putzen der Zimmer. Die Pensionswirtin hatte einen Fensterputztick, täglich musste ich daher sämtliche vorhandenen Fenster wienern (“Mit Rahmen! Und Fensterbänke auch!”) Die Tage begannen um sechs Uhr morgens und endeten zwischen 21 und 22 Uhr. Für die Plackerei sollte ich 800 Mark im Monat bekommen, aber weil ich angeblich zu langsam arbeitete, wurde der Betrag auf 500 Mark gekürzt und gleich komplett einbehalten für – raten Sie mal… richtig: für Kost und Logis.
Von der Insel sah ich kaum etwas und mich nach dem Sommer daher in der näheren Umgebung nach dem nächsten Job um. Ich fand einen als Bürohilfe in einer mittelständischen Firma für Umwelttechnik, die dabei war, sich zu einem Konzern zu entwickeln. Ob sie es geschafft hätte, wird niemand je erfahren, denn der Geschäftsführer landete vorher wegen diverser Steuerhinterziehungsgeschichten und Subventionsbetrügereien für etliche Jahre hinter Gittern. Meine Arbeit bestand darin, ihm und den Führungskräften “die Arbeit zu erleichtern”. Konkret bedeutete dies, die Hausaufgaben der Tochter des Chefs zu erledigen, welche vom Chauffeur dann am Empfang abgeholt wurden, die Ehefrauen am Telefon zu belügen (“Ein dringendes Meeting… wo Ihr Mann sich doch so auf den Opernbesuch mit Ihnen gefreut hatte… aber Sie wissen ja, er ist hier unentbehrlich…”), Präsente für die Freundinnen zu kaufen, Pausenbrote zu schmieren und dringende Besorgungen zu tätigen, zum Beispiel, wenn kein superflauschiges fünflagiges Chef-Klopapier, sondern nur noch das in den Personaltoiletten ausgelegte Schmirgelpapier für die unteren Chargen vorrätig war. Der Chef war ein unberechenbarer Kontrollfreak, in dessen Anwesendheit niemand seine Bürotür schließen durfte. Brachte ihn etwas in Rage, wozu es nur eines Widerwortes bedurfte, warf er mit Gegenständen um sich. In einem seiner Büroschränke stapelten sich daher kartonweise wie Ersatztelefone und Ersatzdiktiergeräte.
Als nächstes versuchte ich mich als Aushilfe bei der Post. Morgens um halb fünf wurden gemeinsam die Briefe sortiert, danach beeilte man sich, um eines der guten Fahrräder zu bekommen. Die schlechten waren die, welche mitsamt ihrer vorsortierten Last gern umkippten, weil der Ständer defekt war. Ich hatte meist Pech, mindestens zweimal pro Tour durfte ich bei hochsommerlichen Temperaturen alles wieder vom Bürgersteig einsammeln, bevor ich unter Lebensgefahr alberne Postkarten (ja, alle Briefträger lesen sämtliche Postkarten) und langweilige Werbeschreiben zustellte. Menschen mit großen, freilaufenden Hunden, welche Briefträger hassen und als zu jagende Objekte ansehen, montieren ihre Postkästen grundsätzlich gern hinter der Gartentür, direkt neben der Klingel und dem Schild mit der Warnung vor dem Hund.
Der nächste Job hatte den Vorteil, dass man schon mittags nach Hause gehen konnte, wo ich bis tief in die Nacht die Doktorarbeit einer Psychologin über die Gestalttherapie von Habermas auf Rechtschreib- und Grammatikfehler durchsah. Die Kopfarbeit war auch dringend nötig, nachdem ich mich im Außenlager einer namhaften Kaufhauskette acht Stunden lang vom Sender WDR4 beschallen lassen musste. Die ohne Pause und Gnade abgedudelten Schlagertexte von Heino über Roland Kaiser bis Engelbert frästen sich mir ins Hirn, während ich mit hundert anderen Frauen kochfeste Unterhosen mit seitlichem Eingriff zu je fünf Stück in Schachteln packte, Preisetiketten an Polyesterkittel knipste und Flusenbürsten über elektrisch knisternde Anzughosen rollte. Die Sonne knallte auf das metallene Flachdach und verwandelte die Halle in eine Sauna, dafür servierte die Kantine ab 45 Grad gemessener Raumtemperatur kostenlosen Zitronentee (also täglich). Die anschließende eineinhalbstündige Busfahrt nach Hause erlebte man als erfrischend.
Nach einigen Wochen wurde ich ins Kaufhaus abkommandiert, das man dort Aushilfen für den Sommerschlussverkauf benötigte. Den ersten Vormittag stand ich hilflos zwischen den Kleiderständern herum (“Blusen? Die sind… öh… irgendwo dahinten… glaube ich…”), doch eine ältere Kollegin nahm mich unter ihre Fittiche und lehrte mich einige hilfreiche Standardsprüche (“Ob man in Polyester schwitzt? Sag einfach, die meisten empfinden das nicht so”). Der Abteilungsleiter stellte mich neben einem Drehständer mit Lederjacken, die aus Resten zusammengenäht waren (“Das ist der neue Flickenlook, das trägt man jetzt so, in Mailand waren die auf jedem Laufsteg.”) und ich entwickelte mich zum wahren Verkaufstalent. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich den Ständer leer verkauft, sechzig Jacken zu je 199 Mark.
Danach wanderte ich durch alle Abteilungen und verkaufte Malbücher, Zeitschriften, hochhackige Lackpumps, Weihnachtsbaumbehang aus Schokolade, Handtücher aus ägyptischer Baumwolle, versilberte Teekannen, Kassetten mit Kinderliedern und Badeschwämme in Form von Ananas und Zitronen. Morgens musste die Kasse mit Wechselgeld gefüllt und abends abgerechnet werden, das bedeutete insgesamt eine Stunde Arbeit, die nicht bezahlt wurde. Und da mir niemand gesagt hatte, dass ich das Recht auf zwei Pausen hatte und ich zu blöd war zu fragen, stand ich ohne Unterbrechung elf Stunden im Laden, an Samstagen nur sechs. Wenn ich es nicht mehr aushielt und keiner hinsah, setzte ich mich manchmal für ein paar Minuten auf den Boden einer Umkleidekabine. Es wird nicht gern gesehen, dass Verkäuferinnen sich hinsetzen, sie müssen immer den Eindruck erwecken, beschäftigt zu sein und natürlich dürfen sie kein Schuhwerk tragen, das bequem aussieht oder es gar ist. Die Schmerzen in Rücken und Füßen waren höllisch.
Im Frühling bewarb ich mich bei einem Freizeitpark im Servicebereich und wurde als Bugs Bunny eingestellt (“Wir brauchen jemand Großes, Dünnes, der den Hoppelhasen macht.” – “Ich bin nur einen Meter sech-…” – “Macht nichts, das passt schon irgendwie.”) Noch heute frage ich mich, aus wie vielen Fotoalben ich dem Betrachter mit Plüschmöhre und Wäscheklammern an den Beinen entgegengrinse. Einmal bekam ich zwei Mark Trinkgeld, als ich mit Engelsgeduld eine halbe Stunden lang neben der eisverschmierten Göre eines bekannten Fernsehschauspielers in die Kamera winkte. Das war der Höhepunkt dieses Jobs.
Es folgte ein kurzer Job als Komparsin bei einer Fernsehserie (bei der ich neben Mario Adorf und Willi Quadflieg Passantinnen, Putzfrauen, Kaufhauskundinnen, Partygäste und Autofahrerinnen mimte), als Promoterin pries ich Tiefkühlpizza (“Mein Freund LIEBT das Zeug!”) und Hundefutter (“Meine Senta LIEBT das Zeug!”) an – ich hatte weder den einen noch die andere – und als Meinungsforscherin fuhr ich durch die benachbarten Bundesländer und befragte wildfremde Menschen darüber, ob sie auf Autobahnraststätten erst ihre Hosen hochzögen und dann die Toilettenspülung bedienten oder umgekehrt. Ein paar Wochen arbeitete ich als Headhunterin für eine Personalagentur, die großen Firmen, die schwere Landmaschinen herstellten, Kosten ersparte, indem sie anderen Firmen, die auch große Landmaschinen herstellte, die Leute wegschnappte, welche diese mühevoll ausgebildet hatten. Schließlich landete ich bei einer amerikanischen Großbank und blieb dort bis zum Ende meines Studiums. Dort konnte ich im Sitzen arbeiten, wurde bestens bezahlt und konnte meine Arbeitszeiten frei wählen.
Und das Fazit? Je weniger anstrengend eine Arbeit und je komfortabler der Arbeitsplatz eingerichtet ist, desto besser wird man dafür bezahlt. Heute bin ich froh, dass ich diese Jobs hinter mir gelassen habe, sollte jemand allerdings noch eine Pralinenverkosterin, Schlafmatratzentesterin oder Ponystreichlerin suchen, so wende er sich vertrauensvoll an mich.

Juni 8th, 2008 at 10:55
Ahem… ich hab während meiner Studentenzeit auch die absunderlichsten Jobs gemacht, aber: ich hatte echt Kohle ohne Ende. KEIN Witz! Und ja, auch ich bin auf Messen in diversen ‘Mobil-Telefon-Kostümen’ rumgeflitzt… bin unter der Last fast zerbröselt und abends komatös ins Bett gefallen.
Fazit: war im Endeffekt aber alles halb so wild. War wie ‘ne Schule fürs Leben und hat oft auch echt viel Spaß gemacht.
p.s. Ich will die DM wieder haben! *heul*
Juni 8th, 2008 at 11:22
Göttlich, diese Geschichte…….
Juni 8th, 2008 at 11:36
Diese Story hat mich an die Zeit erinnert, in der ich fast jeden Job machen musste um meine Famillie zu ernähren, da der Kindervater sich verdünnisiert hatte. Ich weiß heute nicht mehr wie ich das alles geschafft habe, aber es ist wirklich so wie es geschrieben steht. Die besten Jobs strengen einen körperlich weniger an und sind gut bezahlt und bequem.
- und ich will die DM nicht wieder haben -
Juni 8th, 2008 at 13:20
Ich hatte unter anderem mal mit einem Komoli… Komilo… … befreundeten Studenten zusammen einen Job in einer der schönsten Locations der Welt: Der Hamburger Speicherstadt. War super. Wir mussten für einen persischen Sklaventreiber Teppiche schleppen. War auch ein gutes Beispiel für Ihre “je-desto-Gleichung”: Jeder einzelne Knochen tat weh, aber die DM-Entlohnung war ‘n Witz. Schließe mich insgesamt aber Dimebags Fazit an.
Juni 8th, 2008 at 16:53
“Peinlich” ist da gar nichts.
Juni 8th, 2008 at 18:16
@dimebag: Ich rechne immer noch in Mark um.
@railway: Oh, meine Schwester wohnt bei Ihnen um die Ecke.
@haselnuss: Gibt’s da keinen Unterhaltsvorschuss vom Amt?
@Andreas: Hey, die schöne Aussicht entschädigt doch für alles…
@apfelhexe: Sie haben nicht gesehen, wie ich das Hasenkostüm ausgefüllt habe.
Juni 8th, 2008 at 21:08
Des ischt aber nen sehr nett geschriebener Text. Lang aber kurzweilig!
Juni 9th, 2008 at 10:52
Danke für die Erinnerung an eigene mühevolle Zeiten.
Komme für meine Studienzeiten “nur” auf 13 Firmen/Einrichtungen (mit noch mehr Verträgen …), die mich leben und oft auch fachlich lernen ließen. Dieses Glück war/ist aber nicht allen vergönnt, wie ich um mich herum mitbekam und mitbekomme …
Juni 9th, 2008 at 13:40
ich darf als praktikin fürs studium schokolade herstellen in ner kleinen manufaktur und ne menge zeug nebenbei essen, unteranderem sehr leckere pralinen… hab ich noch mal glück gehabt. nur geld, das gibts nich!
Juni 9th, 2008 at 17:26
Und was sagt die Waage dazu?
Juni 10th, 2008 at 16:37
nix böses, sind nur zwei tage in der woche und die arbeit is durchaus auch körperlich anstrengend. wenn jemand mal nach berlin kommt, in´t veld schokoladen sind das, mit laden und kaffee, sehr lecker alles!!! ich mach hier keine schleichwerbung, lala…
Juni 15th, 2008 at 09:42
hano, so ischs no ao wiadr. am tegernsee schwätze se schwäbisch, gell?
auch hier das klassische problem aller blogs: wie treffe ich das klischee?