Stoffel

Freitag, 30. Mai 2008 geschrieben von Syberia

Das diese Woche hier nichts Neues stand, liegt daran, dass wir mit der Oma von Herrn A. jeden Tag bei einem anderen Arzt waren. Kardiologie, Röntgen, Nuklearmedizin, Dermatologie, nochmal Röntgen und noch ein Ultraschall.

Theoretisch nimmt das Krankenhaus solche Patienten für einen Tag auf und schleust sie durch sämtliche Untersuchungen, praktisch gilt dies aber nur für privat Versicherte. So hieß es jeden Tag eine Stunde auf der Autobahn im Stau stehen, die alte Dame heil und im Ganzen zwei Treppen hinunter bugsieren, ins Auto und wieder hinaus, ihr Genöle zu ertragen, weil wir nie so fahren, wie sie meint, dass wir fahren müssen (ich konnte Herrn A.’s Halsader vom Rücksitz aus hübsch pulsieren sehen), sie irgendwie ins Wartezimmer und von da ins Sprechzimmer zu wuchten, sie aus- und wieder anzuziehen, sie wieder nach Hause zu bringen, Besorgungen zu machen (Bank, Supermarkt, Apotheke) und dann wieder zurück auf die Autobahn gen Heimat zu fahren.

Wer das nicht mal selbst mitgemacht hat, hat keine Ahnung, wie einen so was schlaucht. Alleine ist das nicht zu schaffen, selbst dann nicht, wenn man einen Rollstuhl zur Verfügung hat. Die ganze Sache ist sowohl körperlich als auch mental sehr anstrengend, pro Arzttermin geht mindestens ein halber Tag drauf. Die Arbeit wartet natürlich geduldig solange auf dem Schreibtisch – und da schätze ich uns noch glücklich, das wir unsere Zeit weitgehend so einteilen können, wie wir möchten.

Die Hilfsbereitschaft anderer Leute tendiert überraschenderweise gegen Null. Am Donnerstag humpelte die Oma schwer keuchend (Asthma, Herzinsufizienz) in ein volles Wartezimmer. Kein freier Sitzplatz. Zwanzig Leute blieben stur sitzen und schauten angestrengt woanders hin, während sie zitternd hin- und herwankte. Schließlich fragte ich eine Arzthelferin, ob sie noch einen weiteren Stuhl hätte, da stand doch noch eine ältere Dame auf und bot ihren Platz an.

Mittwoch: drei Frauen, darunter eine Krankenschwester, unterhielten sich auf einem Flur und sahen tatenlos dabei zu, wie ich die Oma im Rollstuhl unter viel Mühen durch zwei Glastüren bugsierte. Ein Schlipsträger mittleren Alters zuckte die Schultern, als ich ihn bat, die Fahrstuhltür für uns offen zu halten. Ich kann mir in solchen Situationen ein ironisches “Danke schön!” nicht verkneifen.

Angeblich sind in zwanzig Jahren mehr als die Hälfte der Deutschen über fünfundsechzig jahre alt. Darauf ist dieses Land ganz toll vorbereitet. Kaum ein Ärztehaus hatte einen Fahrstuhl, geschweige denn Barrierefreiheit oder ausleihbare Rollstühle.

Am Wochenende heißt es erstmal entspannen. Denn Montag und Mittwoch stehen wieder zwei Termine an.

4 Antworten to “Stoffel”

  1. C.J. Says:

    Dann wünsch ich der Frau Oma, dass sie schnell wieder gesund wird.

  2. creezy Says:

    Und die andere Idee davon ist, dass die Menschen, die genau diesen harten Job machen mit lächerlichen Almosen bedacht werden. Das wird dann zynisch Gehalt genannt.

  3. Syberia Says:

    Danke, aber es ist eine Frage des Alters.

    Das ist ein schlecht bezahlter Knochenjob, aber wenigstens bekommen sie ein Gehalt und Urlaub, im Gegensatz zu den Hunderttausenden Frauen, die ihre Angehörigen und die ihrer Männer rund um die Uhr pflegen.

  4. Ralf Says:

    “Es gibt in Deutschland keine 2 Klassen-Medizin” (Ulla Schmidt). Da sagen wir mal nix dazu.