Klaus.

Montag, 21. April 2008 geschrieben von Syberia

Er war ihr erstes Kind. Ein Junge, ein Sohnemann, der Stammhalter. Sein Vater legte ein Fotoalbum an. Nach drei Seiten verlor er die Lust daran. Ein Foto des Schaukelpferdes, des Kinderwagens, des Bettchens. Ein Foto des Sohnes auf einem Eisbärenfell. Auf der letzten Seite die detaillierte Beschreibung des Kinderwagens, verblichene blaue Sütterlinbuchstaben: Klaus erste Ausfahrt. Weißes Plumeau, darüber eine weiße Überdecke aus Spitze. Handgeklöppelt aus Leipzig. Zirka dreißig Minuten unterwegs gewesen. Die Chaussee bis zur …-Straße einmal hinauf und wieder hinab bei herrlichstem Sonntagssonnenschein. Frau G. und Familie K. getroffen. Äußerte sich bewundernd.

Vier Kinder bekommt die Mutter und dafür das Mutterverdienstkreuz, auf welches sie bis zu ihrem Tod stolz ist. Der Vater arbeitet als Buchhalter bei der Mitropa, hat viele Affären, ist selten zuhause. Gleich zu Anfang wird er zur Armee eingezogen und erst Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Die Rückkehr dauert nur kurz, er schwängert eine seiner Geliebten und verlässt die Familie.

Die Mutter muss die vier Kinder alleine durchbringen, sie bekommt keinen Unterhalt. Der Vater wohnt zwar nur ein paar Straßen weiter, doch bald darauf wird die unsichtbare Mauer zwischen ihnen zu realem Beton und unpassierbar. Die Heimatstadt, das ganze Land wird in zwei Stücke geteilt. Er sieht seinen Vater nie wieder. Niemand darf in Gegenwart der Mutter über ihn sprechen.

Einmal, sechzig Jahre später, in einem Nebensatz, da bricht es aus ihm heraus. Dass er der Mutter ein Ersatzpartner hat sein müssen, dass er deshalb keine Jugend gehabt habe. Erst seine Heirat ermöglicht ihm das Entkommen aus der Umklammerung der Mutter.

Mit seiner Frau hat er keine Kinder, doch er schwängert eine andere, jenseits der Mauer. Als er sie nicht wie erhofft heiratet und in den Westen holt, gibt sie das Kind in ein Heim. Das Kind schreibt an jedem ersten Tag des Monats artige Briefe und malt mit Buntstiften Blumen auf die Ränder des Papiers, sie schreibt, wie schön es sei in dem DDR-Kinderheim und wie gut sie es dort hätte.

Er holt die Tochter zu sich. Seine Frau zerschlägt Kleiderbügel, Kochlöffel und Teppichklopfer auf dem Mädchen. Sie schlägt es fast tot. Eine Lehrerin ruft das Jugendamt an, seine Frau wird wegen Kindesmisshandlung zu einer Geldstrafe verurteilt. Seine Mutter, die inzwischen eintausend Kilometer weit entfernt beim jüngsten Bruder wohnt, nimmt die Zwölfjährige zu sich und zieht sie auf.

Er sieht die Tochter selten. Er hat eine gute Arbeitsstelle. Er bringt anderen bei, große, komplizierte Maschinen zu bedienen. Er reist sehr viel im Auftrag der Firma, bis er mit 65 Jahren in Rente geht. Gehen muss.

Sein Schwager erkrankt an Krebs und stirbt jahrelang daran. Seine Schwester erkrankt an Krebs und stirbt jahrelang daran. Jedes Jahr schneiden die Ärzte ein weiteres Stück aus ihrem Körper. Bis nichts mehr da ist.

Hier haben wir in der Sonne gesessen, das letzte Mal, das ich sie besucht habe und sie noch ansprechbar war, sagt er und zeigt auf eine Bank, die auf einem schmalen Grasstreifen an der Hinterseite des Krankenhauses steht. Zwei Ärztinnen sitzen darauf und rauchen.

Er ist Ende siebzig. Das erste Mal erzählt er seiner Nichte etwas über sich, auf der Beerdigung seiner Schwester. Wie er in den letzten Kriegstagen in Berlin fast getötet worden sei. Wie er zwischen den Häusertrümmern Berlins plötzlich einem Russen gegenübergestanden habe, wie sie sich einen Moment wortlos angestarrt hätten, beide erschöpft, beide hungrig, beide sichtbar gezeichnet vom Krieg. Wie der Russe dann doch noch sein Gewehr gehoben, kurz geseufzt und auf ihn angelegt hätte. Wie sie beide gleichzeitig geschossen hätten. Er hat es überlebt, ist dem Tod knapp von der Schippe gesprungen. Der Russe war auf der Stelle tot, nicht viel älter als ich, sagt er, aber der oder ich, so ist das eben im Krieg. Er streicht über die Hand der toten Schwester. Sie haben sich nie in den Arm genommen, schon als Kinder nicht. Jetzt, im Tod, darf er sie berühren.

Ein Jahr später erkrankt seine Frau an Krebs. Über fünfzig Jahre sind sie zusammen. Seit er die Tochter ins Haus holte, schläft er auf einer schmalen Liege in einer kleinen Kammer. Seine Frau beansprucht das riesige Himmelbett mit dem Messing-Gestell für sich. Weil er schnarche. Vier Jahre lang stirbt seine Frau an Krebs. Ihr Leben lang hat sie seine Aufmerksamkeit mit eingebildeten Krankheiten beansprucht, nun ist sie tatsächlich schwer krank.

Die letzten Jahre verbringt er allein. Er lernt kochen, Staub saugen und waschen. Freitags geht er kegeln, Samstags wäscht er den großen BMW.

Vor zwei Wochen haben die Nachbarn die Polizei angerufen. Sein Briefkasten quoll über, obwohl er doch so selten Post bekam. Die Polizei kommt und bricht die Tür auf. Er liegt tot in der Küche. Es gibt keine Spuren eines Fremdverschuldens. Der Gerichtsmediziner kann keine Auskunft darüber erteilen, wann er gestorben ist, woran und wie. Seit Ostern war er nicht mehr ans Telefon gegangen.

Er hinterlässt eine siebenstellige Geldsumme. Eine Beerdigung wird es nicht geben, sagt die Tochter am Telefon. Das sei zu teuer und man habe auch keine Zeit für so etwas. Sie reist nach Berlin, um den BMW zu holen. Damit der Wagen keinen Schaden nimmt, wenn er ungenutzt in der Garage steht.

11 Antworten to “Klaus.”

  1. Kristof Says:

    Und so weiter und so fort.
    Komprimierte Lebensgeschichten habe etwas Deprimierendes.

  2. Syberia Says:

    “Und so weiter und so fort” ist der höfliche Ausdruck für “blablabla”, oder?

  3. Kristof Says:

    Nein, nein. Ganz und gar nicht.
    Ich meinte damit den ewigen Fortlauf des Schicksals. Geboren werden, Kinder kriegen, sterben, und in der nächsten Generation das selbe, und so weiter und so fort. Und jeder gibt sein kaputtes Leben an die Nachkommen weiter. Oder so ähnlich. Zumindest recht deprimierend in der Draufsicht.

  4. creezy Says:

    schluck

  5. mariong Says:

    Vergeudung.
    vergeudete Leben. und trotzdem kann oder will keiner anders. erst, wenn es zu spät ist.
    …der werfe den ersten Stein.

  6. mariong Says:

    Das ist alles so traurig. Es klingt so, als wären Sie eine Hinterbliebene. Mein Beileid und mein erster Kommentar kommt mir in dem Fall so herzlos vor aber hier kann man nichts mehr editieren.

  7. Erdge Schoss Says:

    Hart, kalt. Respekt, liebes Fräulein Syberia.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  8. Anke Says:

    .

  9. Syberia Says:

    @Kristof + Frau Mariong: Ja. Ohne professionelle Hilfe ist man wohl zur Wiederholung verdammt. Das ist nicht herzlos, das entspricht der Realität.

    @Anke + Herr Schoss: Anders konnte ich es nicht erzählen.

  10. Kristof Says:

    Ich hoffe ja noch naiv, daß das nicht immer zwangsläufig so sein muss :-/

  11. Syberia Says:

    “Solange der Körper lebt, kann die Seele auferstehen.” (Alice Miller)