Music was my first love

Dienstag, 8. April 2008 geschrieben von Syberia

Man erfährt viel über jemanden, wenn man zum ersten mal seine Wohnung betritt und sich anschaut, wie derjenige seine Musik aufbewahrt. Es gibt Menschen, die ihr Gewürzregal alphabetisch sortiert und die Schrauben der Türangeln mit eingeölten Wattestäbchen polieren haben, bei denen die Unterhosen gebügelt und auf Kante gefaltet in der Schublade liegen – und wo die CDs gedankenlos aneinandergereiht in der staubfreien Vitrine verwahrt werden. Bei solchen Leuten sieht man auch hin und wieder noch in Folie verschweißte Exemplare im Regal stehen.

Andere wiederum treiben es in umgekehrter Richtung auf die Spitze. Sie sortieren zunächst nach Datenträgertypus (Schallplatten, Kassetten, CDs, DVDs, BDs), diese wiederum nach Genre, diese nach Interpreten, diese nach dem Erscheinungsjahr des Albums, diese nach dem Tierkreiszeichen-Aszendenten der damaligen Freundin des Managers der Band, diese nach der durchschnittlichen Fingernägellänge des Drummers, diese nach der Aufenthaltsdauer des Leadsängers in Entziehungskliniken in Tagen – und so fort. Compilations kommen nicht vor oder stehen in einem Extra-Regal in der Besenkammer.

Meine Eltern hörten ausschließlich klassische Musik, alphabetisch sortiert. Sonntagsnachmittags öffnete mein Vater sämtliche Fenster und drehte den Lautstärkeregler bis zum Anschlag hoch, um auch die Nachbarn an der Erhabenheit von Wagners Walkürenritt, Bachs Orgelkonzerten oder Beethovens Neunter teilhaben zu lassen. Während der Woche hörte meine Mutter französische Chansons. Jacques Brel, Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, Serge Gainsbourg und Michel Sardou sangen von Frauen, die sich gehen ließen und Männern, die deshalb gingen, während meine Mutter kochte, bügelte, Staub wischte und vor dem Flurspiegel ihren Lippenstift nachzog, bevor mein Vater heimkam.

Die ersten fünf Jahre meines Lebens verbrachte ich als Gasthörer, doch an meinem sechsten Weihnachten bekamen wir tragbare Kassettenrekorder unter den Baum gelegt. Damit begann meine eigene musikalische Entdeckungsreise, für die ich allerdings zunächst die elterliche Wohnung nicht verließ. Auf der Suche nach Abspielbarem fand ich ganz hinten im Schrank versteckte Buchclub-Zwangskäufe: Udo Jürgens und Reinhard Mey lugten hinter finster schauenden Dirigenten und wichtig dreinblickenden Tenören hervor. Schon bald verkündete ich singend, noch niemals in New York oder auf Hawaii gewesen zu sein, während Gabi im Park wartete und von der unendlichen Freiheit über den Wolken schwärmte. Meine Eltern wanden sich vor Peinlichkeit, aber es half Ihnen nichts, ich war lauthals und unwiderruflich der Seichtigkeit anheim gefallen.

Zu Zeiten, als Musik noch zwischen die Rillen schwarzer Kunststoffscheiben gepresst wurde, traf man sich nach Schulschluss zum Plattenhören. Die diamantene Nadelspitze knisterte über die ersten Furchen und man saß schweigend auf dem Teppich vor den Lautsprecherboxen und hörte gemeinsam andächtig zu. Ich bekam die ersten selbst aufgenommenen Kassetten geschenkt. Diese Kassetten kosten viel Mühe in der Herstellung und waren mit bedeutsamen Botschaften verknüpft. Wenn das erste Lied darauf This is not a love song von den Sex Pistols war, wusste man zum Beispiel, dass der Beziehung über das schwitzige Händchenhalten und jene kurze Fummelei im Partykeller der katholischen Landjugend hinaus kein weiterer Bestand beschieden sein würde.

Es gibt Lieder, da mag man das ganze Stück, solche, die man vor allem wegen des Refrains hört und solche, bei denen man minutenlang nur auf eine einzige bestimmte Stelle wartet (auf das Schlagzeugsolo von Phil Collins in In the air tonight zum Beispiel). Gemeinsam haben sie, dass sie sich abnutzen, wenn man sie zu oft hört, denn Musik ist ein Speichermedium für Emotionen. Sinneswahrnehmungen gehen in die Lieder und bewahren sich dort auf.

Bei Bright Eyes von Paul Simon fühle ich die Arme meines ersten Schwarms um den Nacken, während ich auf Rollschuhen meinen ersten Engtanz absolviere (da ich die “richtigen” Schuhe zuhause vergessen hatte und meine damalige beste Freundin es für eine abgefahrene Idee hielt, auf Rollschuhen zur Klassenfete zu fahren). Heart of Glas von Blondie: die erste selbst im Laden gekaufte Schallplatte, mit der ich an sommerlichen Feldern vorbei auf dem Fahrrad zu meiner besten Freundin Heike unterwegs bin, die sie sich zum Geburtstag gewünscht hatte. Love will tear us apart von Joy Division: deprimierender Nachmittag auf einer Bank im Park, als ich durch die Nachprüfung rasselte und klar war, dass ich die zehnte Klasse würde wiederholen müssen. Twist in my sobriety von Tanita Tikaram: die erste Fahrt allein im Auto nach bestandener Führerscheinprüfung, erst nach Düsseldorf zum shoppen, dann nach Essen ins Kino. Das Album Bête noire von Bryan Ferry: lief auf Endloswiedergabe in einem uns für zwei Wochen überlassenem Appartement in New York und sollte übertönen, dass meine Freundin ein Zimmer weiter die ganze Nacht ohne Pause laut vögelte. Weshalb ich irgendwann hinüberging, als ihr Lover im Bad war und ihr Psycho Killer von den Talking Heads in die Ohren stöpselte: I can’t seem to face up to the facts, I’m tense and nervous and I can’t relax…

Ich hatte einst einen Freund, der mir ein Seelengefährte war. In seinem letzten Sommer, den wir zusammen verbrachten, saßen wir auf der Veranda seines Elternhauses in einem Ostberliner Vorort, rauchten zwei Schachteln Westzigaretten pro Tag, diskutierten über unsere Zukunftspläne, Camus und Satre, Gott und die Welt und hörten uns durch die Jazzplatten-Sammlung seines Vaters. Fitzgerald, Armstrong. Davis, Getz, das Ratpack. Moonlight in Vermont, I get no kick of champagne, If ever I would leave you, When autumn leaves, Fly me to the moon, From this Moment on, Just one of those things.

Auf der Rückfahrt, noch mitten im Sommer, wehte der Wind mir ein einzelnes welkes Ahornblatt durchs offene Zugfenster. Das Blatt habe ich heute noch, Camus hätte das gefallen, denn der Freund ist… fort und gegenüber seinem Grab wachsen Birken, Kiefern und Ahornbäume. Doch wenn ich die Lieder von damals höre und die Augen schließe, dann kann ich auf die Veranda jenes Sommers zurückkehren, die so viele Jahre in der Zeit versunken ist und heute nur noch aus morschen Brettern besteht. Und er sitzt mir wieder gegenüber und lacht mich an.

Musik kann einem das Herz zerreißen. Musik kann es wieder grob zusammenflicken. Musik ist ein Stück Unsterblichkeit. Sie erinnert dich an das, was wichtig ist, was dich ausmacht. Musik kann dich zum tanzen bringen und ins Stolpern. Musik kann dich traurig machen, wenn du froh bist und froh machen, wenn du traurig bist. Musik bringt dich durch den Tag und wohin immer du willst, wenn du sie lässt.

26 Antworten to “Music was my first love”

  1. Ike (der ewige Kritiker) Says:

    Danke!

  2. …and it will be my last : In deiner kleinen Welt Says:

    [...] Link [...]

  3. to01 Says:

    .

  4. mariong Says:

    warum nur endet diese Geschichte so sehr traurig?

    Ja. Musik bringt uns durchs Leben.

    Der Titel, das ist 1 Lieblingslied von M.s Papa.
    Und ich dachte dauernd: Ja! Wir sind Kinder des letzten Jahrtausends. Wir können noch die Sprache der selbst bespielten Musikkassetten.

    und: was machen die heute? das Geplärre was die hören, das ist doch keine Musik nicht.

    :-)

  5. Syberia Says:

    Wenigstens bei Tokio Hotel besteht die Chance, dass es sich ausgeplärrt hat.

  6. Kristof Says:

    “… waren mit bedeutsamen Botschaften verknüpft.” Au weia, ich befürchte, mir als hartnäckigem Text-Ignorierer ist da einiges entgangen.

  7. Thomas Says:

    Gut geschrieben. Und wahr. Danke.

  8. mariong Says:

    naja, das wollte ich doch sagen, da oben :-)

  9. Mike Seeger Says:

    Musik, du himmlisches Gebilde,
    voll hoher Macht, voll süßer Milde.
    Wir fühlen doppelt tief sein Walten,
    wenn uns ein Leid das Herz gespalten.
    Der Schmerzenswogen wirres Drängen,
    es glättet sich vor deinen Klängen.
    Besänftigt all die Fluten ziehen
    ins weite Meer der Harmonien.
    Wie Orgelton, wie Meereswogen,
    kommt dann der Trost ins Herz gezogen,
    und stillt der Seele wildes Sehnen
    und löst das Weh in milde Tränen.

    Erste Strophe von Anton Bruckners “Trösterin Musik”. Passt gerade so schön. Danke für den schönen Beitrag.

  10. Andreas Says:

    @Syberia: Thanx.

    @mariong: Das mit dem Geplärre heute und so – das haben unsere Eltern auch gesagt. Und eines Tages werden unsere Kinder romantisch verklärt gucken, wenn Linkin Park erklingt. ;-)

    Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass jede Generation ihren eigenen Soundtrack hat, oder?

  11. mariong Says:

    Jajajaja
    ich bin alt. (ommm)
    ich wurde im letzten Jahrtausend geboren, habe graue Haare, und jetzt bekomme ich auch eine Lesebrille. Mit Handys kann ich nicht umgehen. 1 ipod habe ichnoch nie gesehen.
    Muss ich mir unter Linkin Park was vorstellen können?

  12. Kristof Says:

    LOL!

  13. Andreas Says:

    @mariong: Nö.

    Gruß von Dino zu Dino. (IPod macht aber Spaß…) ;-)

  14. Schildmaid Says:

    Ich bin tief bewegt und beeindruckt. Chapeau.

    Zum Anfang: Haben Sie schon einmal “High fidelity” von Nick Hornby gelesen? Falls nicht, werden Sie sich in diesem Buch zu Hause fühlen.
    Sie haben mit Udo J. ihre Eltern in Verlegenheit gebracht? Bei mir war es “Cecilia” von Simon&Garfunkel. Celia, you’re breaking my heart. You’re shakin’ my confidence daily…
    Blondie: meine erste selbstgekaufte Scheibe (nach HuiBuh) war die “parallel lines” und die läuft heute noch. 11:59 ist mein favourite.
    Love will tear us apart? Sind wir seelenverwandt? Kennen Sie diese Version: http://www.youtube.com/watch?v=k1K_3c2CfY0 ?
    Autum leaves. Ich schmelz dahin…
    Trauriges Ende? Ein trauriges Ende ist für mich: Sometimes it snows in April von Prince

    Danke für diesen Beitrag…

  15. Seltene Momente :: Channelshift Says:

    [...] es ihm kurz vor der Pension völlig egal sein könnte. Manchmal stolpert man über wunderschöne Texte, die genau das sagen, was man selbst nie hätte in Worte fassen können – egal wie lange [...]

  16. holden Says:

    Ich mag nur Jazz in letzter Zeit aber immer mehr Gregorianische Choräle – für mich die höchste Form männlicher, irdischer Eitelkeit. Nicht den Pop-Mampf, sondern entrückte Benediktiner, usw. Zum Reinbeissen schön, in diesem Zusammenhang schade dass ich Protestant bin, wenn DIE solche Lieder haben… phonetisch hilft Latein sehr, da stinken Lutheraner systematisch ab. Plus diese coolen Lithurgiebestandteile, Kyrie eileson, Suspensorium, Permafrosta, eine Wissenschaft für sich.

    Männerchöre sind aber sowieso super, zB. die russische Kriegsmarine & Pet Shop Boys.

  17. Cecie Says:

    schöööön… ich bin ein bisschen mitgereist in die vergangenheit, denn genau solche momente und mit musik verknüpfte erinnerungen habe ich auch…

    dazu kommt, dass es für mich einige stücke gibt, die sofort meine laune und stimmung in eine andere (positivere, energiegeladenere) stimmung lenken, wenn ich es brauche… perfect day von lou reed ist zB so ein song: egal wie sch*** es mir geht, mit dem song scheint trotzdem ein bisschen die sonne. ich benutze ihn sparsam, aber wenn er zufällig im radio läuft muss ich laut drehen und lächeln…

    vielen dank für deinen post!

  18. Skywalker Says:

    Ein richtig packender Text :)

  19. Der Haus-Meister der Zollstockhöfe Says:

    Wunderschön! *schnief*

  20. Bitte gehen Sie weiter - just another weblog Says:

    [...] Musik kann einem das Herz zerreißen. Musik kann es wieder grob zusammenflicken. Musik ist ein S… Kommentare [...]

  21. ramses101 Says:

    Frau Syberia, wie unglaublich recht Sie mal wieder haben. Und glücklich ist, wem derartige Perlen die Retro-Gansehaut bis -Tränchen bescheren. Bei mir passiert das blöderweise eher bei Den Harrow (“Don’t break my Heart”) und *hüstel* Sandra (“Maria Magdalena”). Aber seine musikalische Sozialisation kann man sich bekanntlich nicht aussuchen und glücklicherweise kommt das verklärte Lächeln bei mir auch bei The Cure, Depeche Mode und sogar Paul Anka. Gerade nochmal Glück gehabt.

  22. Syberia Says:

    Danke, danke, danke.

    Ja, die wirklich guten Sachen darf man nicht zu oft hören, sonst lässt ihre Wirkung nach.

    Ich höre auch am liebsten Jazz, allerdings die alten Sachen und kein improvisiertes Zeugs. Vor einigen Jahren schleppte meine Mutter mich zu einem Konzert eines russischen Männerchores und ich hatte ein Buch mit, denn ich war auf eineinhalb Stunden Langweile eingestellt – und nach einer Stunde sehr traurig darüber, dass schon Schluss war. Fand in einer Kirche statt und bereits die ersten Töne rissen die Leute vom Hocker. Die brachten die Hosenbeine zum vibrieren (kein Scherz).

    Es ist mir zwar peinlich, aber ein, zwei Udo-Jürgens-Lieder höre ich heute noch ganz gern.

  23. Kai Says:

    Nitpick: “This is not a love song” ist von Public Image Ltd. – da singt zwar auch Herr Lydon mit, aber Pistolen haben se keine.

    Doppelnitpick (herrjee, bin ich pedantisch, ich Arsch): “Bright Eyes” ist von Art Garfunkel (geschrieben von Mike Batt) – gut, knapp daneben ist auch vorbei… :D

    …und “Love will tear us apart” ist von, neee das stimmt jetzt. :-P

  24. punzelchen Says:

    Erstleser heute, und tief beeindruckt.
    Diese Geschichte ist so unbeschwert geschrieben und doch sehr gehaltvoll.
    Ich habe mir bis jetzt nicht viele Gedanken über dieses Thema gemacht, aber mir geht es eher so daß ich von starken Emotionen überrascht werde wenn ich plötzlich, zufällig, eines “meiner” Erinnerungslieder höre…

    Werde künftig öfter vorbei schauen….

  25. giardino Says:

    (wunderbar, danke)

  26. Olli Says:

    wow…!