Von Phobikern und Phobielisten
Montag, 17. März 2008 geschrieben von SyberiaAngst ist eine feine Sache. Geisterbahnbetreiber, Drehbuchautoren, Sicherheitstechniker und Herr Schäuble verdanken ihr den Lebensunterhalt. Angst hindert uns daran, eigenhändig feststellen zu wollen, wie sich das Fell eines ausgewachsenen sibirischen Tigers anfühlt oder auszuprobieren, was passiert, wenn man die Mutter eines italienischen Mafiabosses in seinem Beisein beschuldigt, sich regelmäßig dafür bezahlen zu lassen, den Papst oral zu befriedigen.
Angst ist eine schlechte Sache. Manchmal lähmt sie nur unsere Reaktionsfähigkeit, oft genug unseren Verstand. Angst ist kein guter Ratgeber. Sie lässt die Körpertemperatur ansteigen, wenn ein kühler Kopf nutzbringender ist. So vergisst man zum Beispiel, wenn man mitten in der Stadt in eine Demonstration militanter Umweltschützer gerät, so schnell wie möglich den Mein-Auto-fährt-auch-ohne-Wald-Aufkleber von der Stoßstange des SUV zu kratzen.
Es sei nur gerechtfertigt vor zwei Dingen im Leben Angst zu haben, meinte die Schweizer Psychologin Elisabeth Kübler-Ross: plötzliche, laute Geräusche und das Fallen aus großer Höhe. Alles andere sei unbegründet und übertrieben. Eine stetig wachsende Gruppe, die sich selbst “Die Phobiker” nennen, bezweifelt dies und entdeckt täglich Neues, das sie zu schrecken vermag. Sie erfinden Krankheiten wie die Gymnogasterphobie (Angst vor nackten Bäuchen), die Babushkaphobie (Angst vor Großmüttern) oder die Neoorthographogermanophobie (Angst vor der neuen deutschen Rechtschreibung). Die Angst vor ellenlangen, unaussprechlichen Fremdwörtern ist zwar noch nicht erfunden, doch allein der Gedanke an sie soll Nachrichtensprechern den Schweiß auf die Stirn treiben.
Das Leben dürfte für Menschen mit einer Zemmiphobie (Angst vor Nacktmullen) oder einer Arachibutyrophobie (Angst, dass Erdnussbutter am Gaumen kleben bleibt) leichter zu bewältigen sein, als für solche mit einer Optophobie (Angst, die Augen zu öffnen), einer Rhypophobie (Angst vor dem Stuhlgang) oder einer Dipsophobie (Angst vor dem Trinken). Irgendwann langweilten Erstere sich und experimentierten deshalb mit Kombinationen verschiedener Phobien. Was aber, wenn jemand gleichzeitig eine Automysophobie (Angst davor, schmutzig zu sein) und eine Hydrophobie (Angst vor Wasser) hat? Gibt er sich dann selbst in die chemische Reinigung? Und was ist Personen mit einer Lamiaphobie (Angst vor Vampiren) und einer gleichzeitig auftretenden Alliumphobie (Angst vor Knoblauch) zu raten? Es bleibt ihnen wohl nur ihr Kreuz zu tragen wie weiland der Sohn Gottes oder ihre Sprinkleranlage mit Weihwasser zu befüllen.
Menschen, die sowohl eine Dextrophobie (Angst vor Dingen, die sich an der rechten Körperhälfte befinden), als auch eine Levophobie (Angst vor Dingen, die sich an der linken Körperhälfte befinden) hegen und pflegen, kann man einen geduldigen Guru wünschen, der sie auf der Suche nach ihrer Mitte unterstützt. Aber was tun Individuen, die sowohl unter Kathisophobie (Angst sich hinzusetzen) und unter einer Ambulophobie (Angst zu stehen und zu laufen) leiden? Vermutlich arbeiten sie als schwebende Jungfrau beim nächsten Uri Geller - es sei denn, sie leiden an einer Aviophobie, Aviotophobie oder Pteromerhanophobie. In allen drei Fällen handelt es sich um die Angst vorm Fliegen. Dagegen hilft die Lektüre von Erica Jong. Sogenannte Anti-Flugangst-Seminare, deren Teilnehmer im Hangar darüber staunen dürfen, das ein Flugzeug im Grunde nur aus einem unkontrollierbaren Kabelwirrwarr und einer pergamentdünnen Aluminiumröhre besteht, helfen nicht. Glauben Sie mir, ich weiß das.
Ich persönlich leide seit Ausstrahlung der Serie “Ausgerechnet Alaska” latent – aber nur latent! – an einer ganz leichten Form einer Keraunothentophobie (Angst vor herabstürzenden Satelliten), habe dafür aber meine langjährige Testophobie (Angst vor Prüfungen) besiegt. Wie gut das ist, weiß ich noch nicht so recht, denn sie erwies sich als durchaus praktisch. So konnte ich etwa erklären, dass nicht pure Dämlichkeit, sondern vielmehr psychologische Zwänge ausschlaggebend dafür waren, dass meine ersten drei Führerscheinprüfungen keine drei Minuten dauerten. Das erste Mal durfte ich gar nicht erst losfahren, da ich mich nicht angeschnallt hatte, das zweite Mal übersah ich eine rote Ampel und das dritte Mal gelang es mir nur knapp, auf einem Zebrastreifen einem Kinderwagen auszuweichen. Der diente zwar nur zum Transport zweier Bierkästen, aber das ließ der Prüfer als Argument nicht gelten.
Von Zeit zu Zeit überfällt mich ein Anflug von Ährfurcht (Angst vor Getreide) und einmal im Jahr manifestiert sich eine vorübergehende Santaclaustrophobie (Angst vor Weihnachtsmännern) – aber sonst geht’s mir gut. Denn Menschen, die so gar keine Angst vor irgend etwas haben, können eine Hypopphobie entwickeln (Angst vor dem Mangel an Angst) – und denen stellt der Therapeut gern die meistgefürchtete klassische Frage: was würden Sie tun, wenn Sie keine Angst hätten?

März 17th, 2008 at 10:18
Ihr Artikel macht mir Angst. Leide ich nun an einer Hackblogophobie? oder nur an einer FrauIphopie oder an einer Syberiaphobie oder…
März 17th, 2008 at 10:27
Sollte ich gar eine allgemeine Truncusphobie ausgelöst haben?
März 17th, 2008 at 12:40
ich sinke auf die Knie vor Ihrer Kunst.
Hoffentlich beängstigt Sie das nicht.
März 17th, 2008 at 12:41
(Kann nicht mehr lange dauern, bis die ersten Mütter rufen” Phoooooooobie!! Hau dem Kevin nicht immer mit der Sandschaufel auf den Kopf!”
März 17th, 2008 at 12:53
Ach, Frau Marion, das ist Balsam für meine geschundene Seele, wie er zeitlich passender nicht hätte kommen können.
März 17th, 2008 at 16:31
Haha, zu köstlich, Frau Syberia! Ich hatte ja keine Ahnung, vor welch unangenehmen Situationen mich meine multiplen Ängste bei der letzten Italienreise bewahrt haben! “Nichts für ungut, Kumpel, bleibt unter uns, Cosa Nostra, gell, hehe…”
Wo bekomme ich den Mein-Auto-fährt-auch-ohne-Wald-Aufkleber? Der macht sich sicher gut neben der Feinstaubplakette!
März 17th, 2008 at 17:04
Ich fürchte, die habe ich nur erfunden.
März 17th, 2008 at 17:22
Sie kennen “Ausgerechnet Alaska!”? Wollen Sie mit mir für eine Wiederholung im Fernsehn oder eine vernünftige DVD-Ausgabe werben? (Die lieblose zusammengeklatschte 1 Staffel auf DVD zählt nicht)
März 17th, 2008 at 18:20
http://www.angsterkrankungen-phobien.de
netter text!
März 17th, 2008 at 19:22
Natürlich kenne ich “Ausgerechnet Alaska”. Wo soll ich unterschreiben?
März 17th, 2008 at 23:55
Die nette Abhandlung über Phopien würde ich sonst sicher lustig finden, doch grade heute fällt es mir schwer, denn:
… in Tibet ist der Teufel los, wir scheinen auf ‘ne Weltwirtschaftskrise zuzusteuern, an allen Ecken und Enden Krisenherde… allmählich fängt die Welt an zu brennen, und weglaufen geht wohl schlecht, nech?
Also beneide ich all diejenigen, die dabei noch so gelassen bleiben können!
Mir jedenfalls wird mehr und mehr Angst und Bange!
Und? Wie nennen wir diese meine Phobie am besten? “Schluß mit Lustig-Phobie”?
März 18th, 2008 at 00:28
…vielleicht hilft gegen meine Phobie beten oder meditieren, bevorzugt mit einem Mantra aus dem tibetischen Buddhismus, was glaub ich: “Om Ni Padre Hum ” lautet…
Doch ich bleibe schon beim Om hängen, ungefähr so:
“Oooommmm..meine Güte, nee, wie soll’s nur werden?…” Nochmal:
“Ooooommmmm…menschke Meier was tun?..” Nochmal:
“OOOmmmmm..mama mama komm’ schnell her, halt mich fest, ich kann nicht mehr!” Nochmal?
Nee, ich geb’s auf, und bewundere den Dalai Lama, der ja nun wirklich unmittelbar betroffen ist, um seine schier unerschöpfliche Geduld mit den Chinesen und um seine Gelassenheit! Hut ab!…oder besser: Tiefe ehrfürchtige Verbeugung …
März 18th, 2008 at 00:48
Der Machthunger der chinesischen Regierung kennt (im wahrsten Sinne des Wortes) keine Grenzen, (und schlägt sehr große Wellen….), was mir schier unbegreiflich und für mich in keinster Weise mehr nachvollziehbar ist, und um beim Thema zu bleiben: Mir macht das unbeschreibliche Angst!
März 18th, 2008 at 16:19
Sehr hübsch. Doch ich möchte dennoch darauf hinweisen, dass die Angst vor ellenlangen, unaussprechlichen Fremdwörtern zwar tatsächlich noch nicht erfunden ist, dafür aber doch immerhin die Angst vor griechischen (Fach)ausdrücken: Hellenologophobie und die Angst vor langen Wörtern: Sesquipedalophobie. Man könnte es verknüpfen, um die von Ihnen vermisste Phobie zu erfinden. Ich selbst kann das aber nicht tun, denn ich leide definitv unter Sesquipedalophobie. Und wenn ich dies also täte, erschreckte ich mich gar zu sehr selbst.
März 19th, 2008 at 14:47
Wenn ich mich recht erinnere, dann sind Phobien – anders als Angst -
immer das Ergebnis einer Entwicklung. Angst kann spontan auftreten
und ist ein ganz natürliches Phänomen. Die Phobie dagegen hat sich
von ihrem Anlass, der weit zurückliegen mag, verselbstständigt. Auch
ohne einen konkreten Grund kann sie, und dann ist es wohl ein echtes
Problem für den Betroffenen, zu völlig irrationalem Handeln führen.
Am schlimmsten stelle ich mir noch die Agoraphobie vor, also die Angst
vor öffentlichen Plätzen, vor, denn faktisch kann man dann das Haus ja
nicht mehr verlassen.
Egal um welche Phobie es sich auch handelt, so scheint doch die Therapie
immer darin zu bestehen, den Betroffenen kontrolliert mit der gefürchteten
Situation in Kontakt zu bringen.