Bastelstunden
Donnerstag, 14. Februar 2008 geschrieben von SyberiaDie Kinder von heute haben es leicht. Mein Neffe hat mir zu Weihnachten eine Kerze geschenkt, bei der die Adjektive “krumm” und “schief” noch geschmeichelt sind. Macht aber nichts, der Docht ist so kurz, dass niemand es jemals schaffen wird, sie zu entflammen – dafür ist das Ding mit reichlich Glitzer bestreut, der überall haften bleibt. Nur nicht auf der Kerze.
Meine Nichte ist raffinierter vorgegangen und hat mir einen Kalender gebastelt. Wenn ich sage “gebastelt”, dann meine ich damit, dass sie einen Blanko-Kalender gekauft, 12 Fotos von sich (wem sonst) reingeklebt und diese mit Buntstift-Unterschriften versehen hat. Unter dem Augustbild, das sie mit ihrem bevorzugten Leihpferd zeigt, hat sie zum Beispiel “Raudi ist das beste und liebste Poni auf der ganzen Welt! Leider gehört er nicht mir!” notiert, während unter dem Septemberbild der zarte Hinweis “Diesen Monat habe ich Geburttag!” zu finden ist.
Solcherlei gab es nicht, als ich noch klein war und mich aufgrund prekärer Taschengeldverhältnisse und der Mitgliedschaft in der “Jungschar” zum Basteln genötigt sah. Da hieß es noch alles selbst zu machen (wir hatten ja nix). Ich verknüpfe tragische Geschehnisse damit. Einmal haben wir drei Nachmittage lang im unbeheizten Gemeindesaal mit klammen Fingerchen Laternen für den St.-Martinszug fabriziert. Dazu wurde ein Korpus aus schwarzer Pappe gefaltet, in den Löcher geschnitten wurden, die wiederum mit bunt angemaltem Butterbrotpapier von innen zugeklebt wurden. Oben rum zog man ein Stück Draht durch, befestigte einen kurzen Holzstock dran und stellte eine Kerze auf den Boden der Laterne. Ich lernte gleich zwei Dinge fürs Leben. Erstens: Pattex ist ein 1a-Brandbeschleuniger und zweitens: Pferde, auf denen ein dicker Mann mit Schwert und langem, wehendem Mantel reitet, mögen es gar nicht, wenn man seine lichterloh in Flammen stehende Laterne direkt neben ihrem Kopf hysterisch kreischend hin- und herschwenkt. Sie neigen in solchen Fällen zu unkontrollierten Handlungen.
Fortan wurde mir unter Androhung drakonischer Strafen verboten, ohne elterliche Aufsicht “mit irgendwas rumzukokeln”. Als Ausgleich stellte meine Mutter mir ihren Backofen als Bastelgerät zur Verfügung. Und zwar genau einmal. Heute malen die Kinder irgendwelche Schablonen auf Plastikfolien aus, hängen sie mit Bindfaden an der Gardinenschiene auf und nennen das Ganze “Fensterbilder”. Wir hingegen werkelten noch mit Metalldrähten und Glasgranulat herum. Erst wurde auf einem Blatt Papier ein Motiv gezeichnet, dessen Konturen bog man dann aus dickem Draht nach, legte sie auf ein Backblech, füllte die Zwischenräume mit buntem Granulat und schob das Ganze in den vorgeheizten Ofen zum Schmelzen. Obwohl ich erwartungsfroh vor der Backofentür ausharrte, geschah – nichts. Weshalb ich mich berechtigt fühlte, den Backofen von Stufe 2 auf Stufe 15 hoch zu drehen und mich ins Kinderzimmer zurückzuziehen.
Das irgendetwas nicht in Ordnung war, bemerkte zuerst unser Zwergkaninchen, das verzweifelt an der Terrassentür kratzte, um hinaus gelassen zu werden. Keine zwei Minuten später durchzogen stechender Gestank und beißender Qualm die Wohnung, ich krabbelte auf dem Fußboden Richtung Küche, um erst die Backofentür und dann das Küchenfenster aufzureißen. Woraufhin eine aufmerksame Nachbarin die 112 wählte und die Feuerwehr anrücken ließ, dessen Zugführer eine fatale Ähnlichkeit mit einem gewissen St. Martin-Darsteller aufwies und meinen Vater in eine Debatte über die Veranlagung rothaariger Kinder zu Feuerteufeln verwickelte.
Diese muss Eindruck hinterlassen haben, denn als alle anderen Kinder Bäume, Vögel und mit Blumen und Früchten verzierte Hüte aus Salzteig buken, wurde mir das unter dem Vorwand politisch korrekten Verhaltens verwehrt: “Du kannst hier nicht mit dem Essen spielen, wenn in Afrika die Kinder verhungern.”
Meine künstlerischen Fähigkeiten sollten jedoch nicht brachliegen und so meldete meine Mutter mich an der VHS fürs Töpfern an. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass allein die Kursleiterin Zugang zu dem Brennofen haben würde. Innerhalb eines Halbjahres fabrizierte ich 102 Aschenbecher, 54 Vasen und 389 Schalen, die in die Weihnachts-, Geburtstags-, und Osterpakete an die Zone gelegt wurden, denn von dort war nur Dankbarkeit und keinerlei Widerspruch zu erwarten.
Von Kindern Gebasteltes darf man ja nicht wegwerfen – wer hat dieses bescheuerte Gesetz eigentlich erlassen? – weshalb im Arbeitszimmer meines Vaters heute noch ein buckliger Esel aus morschem Bast, ein kotzgrün glasierter Aschenbecher und ein undefinierbarer Klumpen, von dem niemand weiß, was und woraus er ist und was er darstellen soll(te), fleißig Staub fangen. Den Rest kindlichen Schöpfens verwahrt meine Mutter in einer riesigen Schublade im Keller: Kopffüßler aus Lederstücken und Knöpfen, Teller mit Gipsabdrücken von Händen und Füßen, Frösche, aus denen jahrzehntealte Linsen und Trockenerbsen quellen, mit Perlen und Muscheln beklebte Sperrholzschachteln, schrumpelige Gebilde, die mal aus Kastanien und Streichhölzern (natürlich ohne Schwefelköpfe!) bestanden, Puppenhäuser aus Papier, verblichene Gewürzbilder und einen ganzen Schwarm wichtig dreinblickender Makrameeeulen (schreibt sich das wirklich mit drei “e”?).
Den ganzen unnützen Kram habe ich schließlich mal mit meinen kleinen Händen und viel Mühe und Liebe hergestellt. Wenn ein Kind Ihnen also mal einen Tonklumpen oder ein Bild schenkt, stellen Sie keine Fragen wie “Was soll das denn sein? Eine Ente?! Sieht eher aus wie der schwindsüchtige Dackel von meiner Tante Trudi und das auch nur, wenn man ganz genau hinguckt… Und was ist das da auf dem Bild? Ein Haus? Das hat ja gar keine Fenster… und die Tür ist zwei Meter über dem Boden… und wieso kommt mitten im Sommer Rauch aus dem Schornstein?” Statt dessen pappen Sie das Bild an den Kühlschrank und wenden sich an alle Anwesenden mit dem freudigen Ausruf: “Guckt mal, das HAAAAA-AAAAAUS! Das hat unsere Jaqueline ganz ALLEINE gemalt!” Und dann bewahren Sie es bis zum Lebensende auf, denn nur ein Hausbrand oder ein Tsunami entschuldigen ein Fehlen der Produkte kindlichen Schaffens.
Irgendwann kam ich aufs Gymnasium und dort fand kein “Handarbeiten und Werken” mehr statt, dort unterrichtete man “Kunst”. Was ich in diesem Unterricht herstellte, brachte unsere Familie auf eine schwarze Liste in der DDR. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Februar 14th, 2008 at 17:27
ha! solche laternen hab ich auch gebastelt! und später war ich sogar sankt martin! oder eher martina. der ansonsten etwas lethargische gaul erwachte an diesem tag erfreulicherweise etwas aus seiner trance.
Februar 14th, 2008 at 17:45
*Lol* das mit dem Schmelzgranulat hätte auch mir passieren können. Ich hab als Kind mal beim Hartkochen von Eiern zwecks Osterbemalung fast für einen Feuerwehreinsatz gesorgt, indem das Wasser irgendwann verkocht war – klar, auch ich hatte wichtigeres zu tun als daneben zu stehen ;o) – die Eier aber lustig weiterschmorten. Mutter hat’s Gott sei Dank noch rechtzeitig bemerkt, bevor der dichte Qualm aus den Fenstern quoll *Puh !* Die Eier, die brauchte man anschließend nicht mehr zu färben, die waren dann schon schwarz *g*
Februar 14th, 2008 at 17:57
@dackelwurst: Beneidenswert. Bei uns durften das nur Männer aus dem Reit- und Fahrverein werden *schmoll*.
@Petra: Sie haben Lebensmittel vernichtet, während die Kinder in Afrika… tz, tz, tz.
Ich war übrigens sonst ein sehr liebes Mädchen. Wirklich.
Februar 14th, 2008 at 18:48
Nicht nur wenn Kinder basteln, sondern auch beim Spielen kann akute Brandgefahr entstehen. In unserem Fall, also mein Bruder und ich, hies das Spiel Feuerwehr. Da die Aufgabe der Feuerwehr das Löschen von Feuer besteht, benötigeten wir natürlich ein Feuer, wobei wir die Toilette als den geeigneten Ort ansahen. Nach dem Entzünden von einigen Zeitungen haben wir das Feuer auch mit viel Wasser ordentlich gelöscht. Leider bekamen wir den Geruch bis zur Rückkehr unserer Eltern nicht weg…
Februar 14th, 2008 at 21:06
Klar warst Du sonst ein liebes Mädchen, viel Zeit um keines zu sein hattest Du ja nicht bei dem Leistungsprofil! ,-)
Februar 15th, 2008 at 11:28
Ach ja – früher war eben alles besser, stimmts?
Allerdings habe ich mir geschworen mich NIE, NIE, NIEMALS über die ach-so-schweren Zeiten damals und die ach-so-leichten Zeiten heute in Gegenwart meiner Tochter auszulassen. Mich selbst hat es früher nämlich tierisch auf die Palme gebracht (und bringt es heute noch), wenn meine Mutter oder mein Vater wieder damit angefangen haben.
Februar 15th, 2008 at 15:01
Ralf, auf solch hirnrissige Ideen kommen nur Jungs. Ich als Mädchen hätte das nur in einem Raum mit Fenster ausprobiert. Oder alles mit Fichtelnadelraumspray ausgesprüht.
@creezy: Hm… Sollte das mir auferlegte Bastelpensum etwas mit meiner Erziehung…
Antidote, das erinnert mich an die stete Mahnung unseres polnischen Au-Pair-Mädchens: “Darfst du so etwas nicht machen, klettert dein Vater sonst auf Palme!”
Februar 15th, 2008 at 22:31
Aufheben wäre gut. Meine Mutter hat meine Basteleien mit der Bemerkung “Müll” weggeworfen.
Februar 15th, 2008 at 22:36
So gemein werden Sie nicht sein.
Februar 15th, 2008 at 23:27
nein. sie hat einfach nie nachgedacht.
Februar 15th, 2008 at 23:28
ich hänge alles sofort auf und rufe “aaaaaaaaaaaaaaaah”
Februar 15th, 2008 at 23:30
Frau Ingeborch, ich will 1 Buch von Ihnen.
Februar 16th, 2008 at 09:26
Ich habe mal im zarten Alter von 11 oder 12 beim “Basteln” von Kerzen einen Topf mit heißem, geschmolzenen Wachs über alle 4 Schalter des Elektroherdes gekippt. Kerzen gab es an dem Tag keine, meine Eltern mussten einen neuen Herd kaufen und ich durfte auch nichts mehr basteln, was irgendwie erhitzt werden musste. Hat mir aber zum Glück dieses ganze Salzteiggedöns erspart
Februar 16th, 2008 at 10:30
Gedankenlos ist es, die Sachen einfach weg zu werfen. Es abwertend “Müll” zu nennen, ist noch mal ein anderer Level an Geringschätzung, das war fies.
@Iris: Hätte man das nicht alles abkratzen können?
Februar 16th, 2008 at 11:14
Hmmmm, Schmelzgranulatt! Das würde heutzutage bestimmt unter die Gefahrenstoffverordnung fallen. Zumindest vor ein paar Jahren gab es aber eine Neuauflage dieses wundersamen Werkstoffes. Stank etwas weniger ungesund und ich bekam ein wirklich gelungenes Mobile mit Glasintarsien geschenkt.
Februar 16th, 2008 at 20:41
Ach Frau Syberia, welche schräge Frage an Frau Iris. Es liegt doch auf der Hand, dass Frau Iris Mutter endlich wieder einen neuen Herd wollte … ,-)
Februar 17th, 2008 at 14:47
Glaubense mal nicht, dass das bei Kindern aufhört. Warten Sie mal ab, bis die Eltern ihre kreative Phase erwischen. Da wird dann Bauerngemalt, Seidengemalt und sogar Salzteiggebacken, bis alles rundum geschenkemäßig versorgt oder die eigene Einrichtung einen rustikalen Touch hat. War bei meinen Eltern so in den Achtzigern der Fall. Und das wandert dann ins Erbgut, dass ist noch schlimmer (Kindergemachtes kann ja so verloren gehen, größere Dinge nicht – und da gibt es auch keine Argumente).