Warum ich länger als geplant gebraucht habe, um Examen zu machen

Sonntag, 10. Februar 2008 geschrieben von Syberia

Auf die Frage meiner Eltern und anderer Verwandten, wann ich denn Examen machen würde, antwortete immer dasselbe: “Bald.” Das es länger dauerte, als geplant, lag nicht nur daran, dass ich halbtags arbeiten ging und abends gern den vielfältigen Verlockungen des Bochumer Nachtlebens oder der Attraktivität der Kommilitonen erlag. Es lag vor allem an dem Umstand, dass an der Massenuniversität, an der ich studierte, die prüfungsberechtigten Professoren en masse dahinstarben.

Obwohl meine Überlegungen nach dem Abitur nicht von Zielstrebigkeit geprägt waren – in Mathe warst du immer eine Niete, Chemie und Physik sind bäh, in Medizin musst du an Leichen rumschnippeln, außerdem hast du von Biologie trotz Abiturfach genauso wenig Ahnung wie von Geologie, Sport geht wegen deiner Höhenangst (Ringe! Taue! Recks! Trampoline!) nicht und für Germanistik und Theologie brauchst du das große Latinum – machst du halt was mit Französisch oder mit Geschichte oder mit Medien oder mit Psychologie oder mit Kunst – gedachte ich innerhalb der Mindeststudienzeit fertig zu werden.

So startete ich bereits am ersten Tag des ersten Semesters konsequent durch und beschloss, meine Scheine vorrangig bei Herrn K.-L. zu erwerben, da dieser den Ruf genoss, sich in der mündlichen Prüfung, vor der ich die meiste Angst hatte, wohlwollend zu verhalten. Leider scheiterte dieser Plan daran, dass Herr K.-L., frisch aus einer psychosomatischen Klinik entlassen, sich noch vor Beginn der ersten Seminarstunde das Leben nahm.

Das Gerücht, er habe sich zu diesem Zweck vom Gebäude der Geisteswissenschaftler gestürzt, erwies sich allerdings als falsch, denn derjenige, der dies tatsächlich getan hatte, war laut Dekan “noch nicht einmal immatrikuliert”. Dafür kursierten jahrelang urbane Legenden, in denen allerhand Vergleiche zwischen Wassermelonen und dem Schädel von Herrn K.-L. vor und nach dem Aufprall angestellt wurden.

Ich stellte meinen Stundenplan zu Gunsten von Frau M. um und erwarb dort auch einen Schein. Die Sprechstunde, in der ich mir diesen vor Beginn der Semesterferien abholen wollte, musste leider ausfallen, denn Frau M. war in der Mensa von einer Sekunde auf die andere tot umgefallen – angeblich bevor sie dort etwas zu sich nahm.

Ich begann mich zu fragen, ob die lebensfeindliche Umgebung ein Stück zur Lehrkräftedezimierung beitrug. An diesem gigantisch hässlichen Ort, einem 70er-Jahre-Plattenbau aus grauem Beton war alles, außer den Wände des Aufzugs für Blinde, der mit Teppich ausgeschlagen war, mit ödem Graffiti beschmiert. In meiner Fakultät war die meistbenutzte Begrüßungsformel zwischen zwei Studenten: “Lebt dein Hauptfachprüfer noch?” Sei es, dass die Uni kein Geld hatte, sei es, das man die Art ihres Abganges als unausgesprochene Kritik ansah, die Stellen der Verstorbenen wurden jedenfalls nicht neu besetzt. Proseminare konnten fortan nur bei geöffneten Türen stattfinden, da sich trotz extra eingeflogener japanischer U-Bahn-Stopfer mehr als 200 Studenten vor den Fluren der für höchstens 40 Teilnehmer konzipierten Räume drängten.

Sich mit der Auswahl des Prüfers Zeit zu lassen, schien mir in dieser Lage ein guter Plan zu sein, also belegte ich ohne Hintergedanken Vorlesungen bei Herrn M., Herrn W. und Frau B. Herr M. zerstritt sich, kaum das die Druckerschwärze des Vorlesungsverzeichnisses getrocknet war, mit dem Dekanat. Er rächte sich dafür an seinen Studenten, indem er seine Veranstaltungen entweder auf Montag Morgen um halb acht oder Freitag Abend um neunzehn Uhr verlegte. Der Gerechtigkeit halber muss man erwähnen, das diese Veranstaltungen für ihre Kürze bekannt waren: sie dauerten nämlich nur 60 Sekunden. Exakt solange brauchte Herr M. für einen Blick in den Seminarraum und den Satz: “Ach, nur fünf Leute. Dann fällt das hier aus.” Herr W. erlitt drei Wochen nach Ende des Semesters bei der Pflege des heimischen Gartens einen Herzinfarkt. Frau B. ereilte zwar nicht der Ruf des Herrn, aber dafür der von einer anderen Universität.

Ich wäre wohl verzweifelt, wenn ich nicht durch Zufall in die Vorlesung von Herrn S. geraten wäre, den ich als den besten Lehrer bezeichnen möchte, den ich je hatte. Er war mitreißend, genial und den Studierenden zugewandt. Nach jeder seiner Vorlesungen gab es standing ovations. Innerhalb eines Semsters machte ich die letzten vier noch ausstehenden Scheine, das Studium verlief angenehmerweise ohne weitere Todesfälle und ich schrieb schließlich meine Examensarbeit bei Herrn S.

Erst das Abholen derselben erwies sich als schwierig. Drei Sprechstunden von Herrn S. fielen kurzfristig aus, ohne das ein Grund angegeben wurde. Die vierte sollte laut Sekretariat daher unbedingt stattfinden, selbst wenn “der HiWi sie abhalten müsse”. Ich tauschte eine Arbeitsschicht mit einem Kollegen, fuhr zur Uni, ergatterte nach nur 30-minütiger Suche einen Parkplatz und keuchte, da die Fahrstühle mal wieder außer Betrieb waren, die fünf Stockwerke zu seinem Büro hoch.

Vor der verschlossenen Tür von Herrn S. brannte eine Kerze, um die jemand einen Chiffonschal drapiert hatte. An die Wand davor gelehnt saßen etliche Kommilitonen, zwei Studentinnen hielten sich weinend im Arm. Ich weiß noch, wie ich dort auf dem Flur stand und nur ein einziges Wort dachte, immer wieder nur dieses eine Wort. Nein. Nein, nein, nein.

Nach einer Weile kam der HiWi aus dem Sekretariat und heftete eine kurze Notiz an die Tür, die wenige Stunden zuvor noch die Bürotür von Herrn S. gewesen war. Er erzählte, die Sprechstunden seien ausgefallen, da Herr S. sich einer endogenen Depression wegen in Behandlung befunden hätte. Davon habe niemand erfahren sollen. Wenige Tage, nachdem er wieder zuhause bei seiner Frau und den beiden Kindern gewesen sei, wäre er eines Morgens in den Gartenschuppen gegangen, habe sich einen Gewehrlauf in den Mund gesteckt und abgedrückt.

Es fand sich nur einer, der bereit gewesen wäre, die vielen Prüflinge von Herrn S. zu übernehmen und das war Herr R. Glücklicherweise kannte ich ihn zum einen durch ein Seminar, zum anderen war er sehr gut mit einer Freundin von mir bekannt. In seiner Sprechstunde erzählte er mir, dass er noch bei seiner Mutter lebe, die sehr krank sei und die er deshalb pflege und welche Reisen er plane, wenn “das gut überstanden sei”.

Drei Wochen vor der mündlichen Prüfung blätterte ich in einer Zeitung, die jemand auf dem Tisch in der Bibliothek hatte liegen lassen. Im Lokalteil stand eine kurze Notiz darüber, dass der Universitätsprofessor Herr R. am Vortag seinem langjährigen Krebsleiden erlegen sei.

Ich setzte mich auf die Steinmauer bei den Fahrradständern, betrachtete die rissigen Bodenplatten und zerbröselte deprimiert mein Pausenbrot, als mich Herr K. ansprach. Herr K. schlurfte seit Anbeginn der Uni klein, gebeugt und weißhaarig durch die Flure und Vorlesungssäle. Er war mit Herrn S. eng befreundet, eine Art Ersatzvater für ihn gewesen. Er fragte, was los sei und ich sprudelte alles en detail heraus, bis der Gute schließlich erschöpft nickte, einen plötzlich einsetzenden Gewitterregen als billige Entschuldigung vorschob und ins Gebäude entfloh.

Keine Ahnung wie (und warum) er es anstellte, aber Herr K., der ein zwar verwandtes, aber dennoch anderes Fach unterrichtete, wurde als mein Hauptfachprüfer zugelassen. In der Nacht vor der Prüfung rief er mich an und entschuldigte sich wortreich für die späte Störung. Er könne nicht schlafen und seine Frau habe ihn wegen seines ruhelosen Umherwälzens aus dem Bett geworfen. Nun sitze er am Küchentisch und wisse eigentlich nicht, was er mich morgen fragen solle, ob ich ihm nicht ein paar Vorschläge unterbreiten könne.

Nicht einen Moment hatte ich das Gefühl in einer Prüfung zu sitzen, wir unterhielten uns einfach über ein Thema, für das wir uns beide leidenschaftlich interessierten. Obwohl ich anfangs, das muss ich zugeben, nervös Gesichtsfarbe, Atemfrequenz und das Pulsieren der Halsschlagader des fast achtzig Jahre alten Herrn K. im Auge behielt. Irgendwann nörgelte einer der beiden Beisitzer, die Zeit sei längst um. “Das war eine Eins, sehen Sie das auch so?” fragte Herr K. und als die beiden anderen nickten, unterhielten wir uns noch eine ganze Weile weiter, während sie sich ans Fenster stellten und eine Zigarette rauchten.

Noch am selben Nachmittag räumte ich zuhause meinen Schreibtisch auf, packte alle Unterlagen weg und sortierte einige Bücher aus. Dabei fiel mir der Ratgeber in die Hände, den ich zu Beginn meines Studiums gekauft hatte, ein Taschenbuch von Hermann Kohn und Ottmar Weber mit dem Titel “Uni überleben”. Ich habe es nie gelesen. Vielleicht hätte ich es weiter verschenken sollen.

22 Antworten to “Warum ich länger als geplant gebraucht habe, um Examen zu machen”

  1. Cecie Says:

    auweia, was soll man denn dazu sagen… ;o)

    ich bin ja der meinung, diese geschichte gehört eigentlich zu ingeborch, ins andere blog, nur wäre die ja nich intelligent genug für sowat *schmunzel*

    so die geschichte wahr sein sollte: herzliches beileid zu dieser unikarriere und herzlichen glückwunsch, dass sie das tatsächlich alles überstanden haben!

  2. dackelwurst Says:

    Ich war mal 2 Wochen im Landesspracheninstitut in Bochum und da sind wir auch ein paar mal zur Uni, um Schokolade zu kaufen. Wenn das die gleiche Uni ist, wundert mich nichts. Das war der so ziemlich deprimierendste Ort, den ich je gesehen habe…

  3. dante Says:

    Ich dachte immer, der mit Teppich an den Wänden ausgelegte Aufzug sei dem Snobismus der WiWis geschuldet. Aber die Sprechenden aufzüge waren schon lustig.

    Was ich allerdings im G-Bereich total bekloppt fand, waren die Raum- und Etagenbezeichnungen. Im ersten Semester hatte ich mit viel Glück den Raum für’s Einführungsseminar gefunden — danach nie wieder. Kein Wunder, dass ich nicht fertig wurde. Was aber wohl auch an den rund um die Uni vorhandenen politischen Betätigungsfeldern und Freizeitmölichkeiten lag.

    Btw: Gibt es eigentlich das Oblomow und das Clochard noch?

  4. Syberia Says:

    Was ich immer nur per Zufall gefunden habe, war der botanische Garten. Wenn ich ihn mit Absicht gesucht habe, um ihn jemanden zu zeigen, bin ich jedes Mal vergeblich umher geirrt.

    Das Clochard gibt es noch, die Kaffeesäcke sind allerdings zum Glück von den Wänden verschwunden, dafür bieten sie immer noch Frühstück bis um 18 Uhr an.

  5. schmerles Says:

    Super Geschichte. Warum machen Sie keine Novelle daraus?

  6. Erdge Schoss Says:

    Hat sich das Massensterben nach ihrer Demission
    eigentlich wieder gelegt, liebes Fräulein Syberia?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  7. syberia Says:

    Ach Herr Schmerles, das hier hat doch schon kaum jemand gelesen, weil es so lang ist.

    Äh… ja, Herr Schoss, jetzt, wo Sie fragen… in der Tat. Vermuten Sie da einen Zusammenhang?

  8. haekelschwein Says:

    Das kommt mir vertraut vor. Obwohl ich meine überlange Studienzeit nicht damit rechtfertigen kann, ist mir mit meiner ersten Hauptseminar-Hausarbeit etwas Ähnliches passiert: Die schrieb ich nämlich zum Thema “Erfurter Universitätsarchitektur” bei Prof. Boockmann in Göttingen. Als ich sie nach den Semesterferien endlich fertig hatte, erfuhr ich, dass er gerade gestorben war.

    Irgendwie war mir das derart unangenehm, dass ich die Arbeit in der Schublade verschwinden ließ und meinen ersten HS-Schein lieber im nächsten Semester zu einem anderen Thema machte. Im Nachhinein vielleicht ein bisschen zu pietätvoll von mir, aber was soll’s.

  9. schmerles Says:

    Ich habs verschlungen. Der Prof bei dem ich gern promoviert hätte, starb beim Diplom machen- hat sich auch dazu Tod gesoffen & geraucht. Der andere ist in die USA gegangen. Außerdem war geld verdienen verlockender.

  10. Syberia Says:

    Die Preußen sind auch nicht mehr das, was sie nie waren.

    Da dürfte sich der Gute aber gewundert haben, Herr Schmerles, wie sehr er sich plötzlich um seine Studenten hat kümmern müssen.

  11. Erdge Schoss Says:

    Ich bin, liebes Fräulein Syberia,

    ja nicht bei der Mordkommission, Sie können also offen sprechen.
    Und falls Sie damit tatsächlich etwas zu tun haben sollten, bleibt
    das selbstverständlich unter uns.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  12. creezy Says:

    *lol* Ich glaube, ich hätte das irgendwann persönlich genommen und mich nicht mehr in die Nähe irgendeines Profs getraut. ,-)

  13. Arno Says:

    Oh, ich hätte mich eher bewusst in die Nähe einiger Profs begeben :-)

  14. neolith Says:

    Verrückt, wie viele Studenten von sowas erzählen können.
    Bei mir waren es zwar nur zwei Profs, aber das hat auch schon für Probleme bestens gereicht, insbesondere während des Diploms.

  15. blog.shyen.de » unikarriere mal anders Says:

    [...] das hier wirklich wahr sein, dann kann ich nur jedem empfehlen: geh nie, niemals nach bochum an die [...]

  16. Falls Sie Zeit haben | Monodrom Says:

    [...] einer Geschichte, die sich um den Tod dreht, so ungeniert und herzzerreißend wie bei dieser: Warum sie länger als geplant gebraucht hat, um ihr Examen zu machen. Via Anke [...]

  17. Tim Says:

    Hat das was mit dem berüchtigten Bochumer Nachtleben zu tun?

  18. Sonja Says:

    Oh Mann, ich bin grad selbst mitten im Staatsexamen, hoffentlich passiert mir das nicht noch, da ich größtenteils auch recht greise Prüfer habe!

    Bei mir war’s anders: *eigentlich* alle scheinrelevanten Seminare belegt, noch zwei zu erwerbende Scheine vom Vorsemester (lieberkummerbedingt) auf Halde, und eigentlich schien in den Semesterferien alles geritzt bis auf den Schweinehund.
    Bis in ebendiesen Semesterferien meine Mutter an Krebs erkrankte und bald darauf verstarb. Die Trauer, die komplette Neuorganisation meines Lebens, dann immer wieder fiese Details, die mich zurückgeworfen haben … das dauerte, bis ich da wieder den Kopf dafür fand, meine Scheine zu erwerben. Netterweise waren aber alle Dozenten bereit, mich den Schein noch im Anno Tobak belegten Seminar erwerben zu lassen. Zwei von denen waren übrigens auch schon nicht mehr an meiner Uni; Frau S. ist übrigens nach Bochum gegangen, hatte es aber bis zum fraglichen Zeitpunkt überlebt. So konnte ich mich dann heil zur Prüfung anmelden. Dass mein Erstprüfer meine Examensarbeit bereits angeguckt und bewertet hat, ist mir bekannt. Die Klausuren sind auch schon alle beim Prüfungsamt. Jetzt kann eigentlich nur noch bei deren Bewertung bzw. bei den Mündlichen was schiefgehen.
    Ich habe zum Glück noch keinen meiner Profs sterben sehen müssen, obwohl die Kölner Uni auch recht hässliche Gebäude hat. Die sind alle emeritiert worden oder haben einen Ruf an eine andere Uni bekommen

  19. Syberia Says:

    Dann drücke ich mal die Daumen.

  20. Freiwilligenarbeit Says:

    Oh Mann, es gab zwei Fragen, die ich im Studium über alles gehasst habe und bei einem Kennenlernen oder bei Verwandten immer als allererstes beantworten musste: 1. Wie lange musst du noch studieren? 2. Und was willst du hinterher damit machen?

  21. Syberia Says:

    Was haben Sie denn studiert?

  22. Freiwilligenarbeit Says:

    Englisch auf Magister. Damit ist man zwar nicht festgelegt, aber hat in der Regel auch nicht wirklich eine genaue Vorstellung von dem, was man später machen möchte.