Was du nicht willst, das man dir tu…

Samstag, 26. Januar 2008 geschrieben von Syberia

Früher bereitete die Hebamme oder der Arzt einen neuen Menschen bereits in den ersten Lebenssekunden auf die Härten des Erdendaseins vor: das kleine Etwas wurde kopfunter gehalten und bekam Schläge auf den Hintern, bis es schrie. Diese Praxis ist heute in den westlichen Industrieländern glücklicherweise verpönt – zumindest in Krankenhäusern.

Im Internet, wo sich die Akteure anonym wähnen, ist diese Praxis gang und gäbe. Das Baby DerWesten ist keine drei Monate alt, es wächst noch und entwickelt sich – und dennoch schlagen viele seit seiner Geburt munter drauf, als existierten keine anderen, die es mehr verdient hätten. Nicht die Rede soll sein von den konstruktiven Kritikern, die kostenlos zur Optimierung des Internetportals der WAZ-Mediengruppe beitragen, sondern vielmehr von denen, die halb verdeckt, heimlich oder quer aus der Hüfte schießen und dabei weder Fakten noch bereits gegebene Antworten berücksichtigen, sondern ewig sich wiederholendes Genöle und Gegacker einer tatsächlichen Auseinandersetzung vorziehen.

Katharina Borchert äußert sich mit Engelsgeduld (ich hätte die nicht) seit Monaten in zahlreichen Blogs immer wieder zu den immer gleichen Vorwürfen. Man zeige mir bitte den Online-Chefredakteur von Stern, Spiegel, FAZ, Zeit, Süddeutsche und wie sie alle heißen, bei dem das ebenfalls der Fall ist. Dennoch wird das von den einen abgestritten und von anderen als nicht tief gehend genug empfunden. Geht’s noch?

Wie lange haben Blogger sich gewünscht und gefordert ernst genommen und sogar bezahlt zu werden? Etwa zehn Jahre? Länger? Jetzt hat ein großer Medienkonzern eine Bloggerin zur Entwicklung ihres Internetportals engagiert und Blogs als festen Bestandteil ins Programm aufgenommen – nun ist dies auch wieder nicht recht. Und das, obwohl nur wenige Blogs der Konkurrenz (schon gar nicht was die Anzahl noch was die Qualität betrifft) mit denen des Westens mithalten können. Übernommen wurde auch die Kommentarfunktion für den Nachrichtenbereich. Wer außer dem Westen hat dies so konsequent umgesetzt?

Die heute bekannten Online-Nachrichtenmagazine waren auch nicht vom Startschuss an das, was sie heute sind, sie hatten allerdings das Glück, früh dabei zu sein und sich entsprechend etablieren zu können. Print und Online der WAZ-Mediengruppe miteinander zu verzahnen kann gelingen, wird aber seine Zeit brauchen (dass einige Redakteure den Umgang mit dem Internet erst lernen müssen, ist ebenso klar, wie das die Mehrzahl von ihnen dies tun wird). Die Mitarbeiter im Printbereich haben schlicht und ergreifend Angst um ihre Jobs. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, ob wir in zehn, zwanzig Jahren noch auf Papier Gedrucktes lesen werden?

Aufmerksamen Beobachtern wird nicht entgangen sein, dass DerWesten stetig an der Optimierung der angebotenen Inhalte und der verwendeten Technik arbeitet. Sieht man sich zum Beispiel die Berichterstattung zum Thema Nokia in Bochum an, hat der Westen am schnellsten und umfassendsten informiert. So geht gute (Regional)berichterstattung.

Wessen Blog sich von Anfang an brillant formulierter Inhalte, gut recherchierter Fakten, sowie einer sich in zahlreichen Kommentaren und Verlinkungen widerspiegelnden großen, treuen Leserschaft rühmen kann (wobei den meisten Bloggern Statistiken angeblich ja sooo egal sind) , der werfe in seinem Bloghaus weiterhin mit Steinen. Den anderen ist zu wünschen, dass sie fähig sind, ihren Standpunkt zu überdenken, um sich am Potential des noch zarten Pflänzchens zu erfreuen.

9 Antworten to “Was du nicht willst, das man dir tu…”

  1. Malte Diedrich Says:

    .

  2. Ralf Says:

    Wenn man hingeht und schon vor der Geburt behauptet sein Baby sei das beste, schönste und intelligenteste, der muss halt mit ausreichender Häme rechnen wenn da ein dreiarmiges Wesen mit Haaren auf dem Rücken zur Welt kommt.

    Also die Technik war bzw. ist zum Teil wirklich schlecht. Wie war das noch gleich? Ein hoher einstelliger Millionenbetrag wurde in das Projekt investiert? Da muss ich Don Alphonso mal Recht geben: Da läuft vieles über Gewährleistung und man müsste den Machern eigentlich den Hintern aufreißen.
    Davon mal abgesehen ist die WAZ nun ja auch nicht völlig neu auf dem Gebiet Internet. Eher ganz im Gegenteil. Sie haben reichlich Erfahrung, waren mitunter die ersten im Ruhrgebiet die Internet für die breite Masse angeboten haben und halten sich sogar so etwas wie eine eigene IT-Fachfirma (ISA) die ja bereits einige Portale auf den Weg gebracht haben. Von mangelnder Erfahrung oder “erste Schritte” im Onlineleben kann ganz und gar nicht die Rede sein.
    Da man aber nun mit der angekündigten “Onlineoffensive” die Messlatte verdammt hoch gelegt hat, ist es schon arg peinlich wenn man sie um einige Meter verfehlt. Ich denke ein großer Fehler war es, dass sich Katharina Borchert zur Präsentation der Pläne mit der “Creme de la Creme” der Blogsphäre umgeben hatte und zur Realisierung der Pläne lieber auf “alte Freunde” aus Österreich setzte.
    Zeitung im Internet ist nun einmal nicht wie Bloggen wo man das eine oder andere mit Freunden und Bekannten machen kann. Da stehen nun einmal andere Maßstäbe an.

    Viel Kritik am Inhalt habe ich eigentlich nicht so mitbekommen. Im Großen und Ganzen die übliche Medienkritik und das Gezeter über die Auswahl der Schreiber. Das ist aber nun mal häufig so das über schlechte Artikel sich das Maul zerrissen wird, während gute Artikel eher beiläufig erwähnt werden. Das ist bei Der Westen nicht anders als bei den anderen Onlinemedien.

    Das Katharina Borchert sich in den Kommentaren den Mund fusselig redet bzw. die Finger blutig schreibt ist löblich. Ist aber auch ihr Job. Oder nicht? Weiß nicht, ich kenne die Stellenbeschreibung nicht.
    Die Chefredakteure der anderen großen Medienhäuser reden sich halt auf Kongressen und in Panels (oder wie sich die Treffen immer schimpfen) die Lippen fusselig. Jeder rechtfertigt sich da, wo er her kommt.

    Und last but not least: Niemand verliert seinen Job weil wir online gehen (sinngemäße Beteuerung der WAZ). Warten wir es ab ob es stimmt.

  3. Arno Says:

    Was hat DerWesten denn noch mit Bloggen zu tun? Schon in der Projektphase hat Frau Borchert ihr eigenes Blog faktisch aufgegeben, und das Projektblog wurde nach wenigen (fünf?) Beiträgen aufgelassen.

    Warum sollte man DemWesten Schonzeit geben? Das ist keine soziale Einrichtung von Gutmenschen, das ist als knallhartes Geschäft gedacht. 100 Tage Schonzeit sind da vielleicht das Maximum, doch diesen Goodwill hat man schon aufgebraucht, als man jahrelang über ungelegte Eier gackerte.

    Leider legt sich dieses knallharte Kommerzunternehmen das Mäntelchen von Kultur um. DerWesten will ein Stück gewachsene Kultur (Bloggen) vermarkten, ich wäre Zielgruppe dafür. Doch von der Kultur bleibt nichts, und als potentieller Kunde werde ich nur durch großmäulige Sprüche verarscht. Ich wiederhole das nochmal: Der Westen verarscht seine potentiellen Kunden.

    Noch immer läuft die Frau B. durch die Gegend und tut so, als ob sie das größte Blogprojekt Deutschlands an den Start bekommen hat. Nichts hat sie. Das sind kein Blogs, das sind Kolumnen von alte, verbitterte Lokalredakteure, die man zum Online-Schreiben treten muss. Dazu ein paar Alibibeiträge die man sich einkauft (gell Frau Ingeborch, Sie sind da nicht ganz neutral). Beschissene Technik hat sie. Hätte man statt einer (jetzt kommt es böse) Medienmieze mal jemanden mit ein bisschen Ahnung von Web-Projekten genommen, wäre das nicht passiert, aber ihr konnte ihre IT-Abteilung – während sie die Klappe aufriss, wie toll das alles wird – jeden Mist andrehen.

    Ich ignoriere Den Westen normalerweise. Es sei denn, es findet sich mal wieder jemand, der ihn mir, (Vorsicht, jetzt kommt es nochmal böse) zum Konsum in den Arsch schieben möchte (gell Frau Ingeborch). Ich möchte Vom Westen einfach in Ruhe gelassen werden. Ich habe als potentieller Kunde mit den Füßen abgestimmt: Will ich nicht, lautet mein Urteil.

    Hier ist der Deal:

    Ich Kommentiere so lange nichts über Den Westen, so lange ich nichts über diese Online-Schreibstube lesen muss.

    Der Westen hat nichts von dem geliefert was Frau Borchert so großartig verkündet hat, und will eine Kultur kommerzialisieren von der sich die Macherin mittlerweile Lichtjahre entfernt hat. Frau Borchert hat ihre Bloggerseele verkauft. Das kann sie machen, das ist legal. Meine bekommt sie trotzdem nicht.

  4. haekelschwein Says:

    Also für einen Außenstehenden erschließt sich dieser lokale Konflikt nicht wirklich, sondern wirkt ein bisschen wie gekränkte Eitelkeiten unter Bloggern. :)

    Mir persönlich ist es relativ wurscht, wo einer sein Blog hostet, aber wenn es da jemanden gibt, der Bloggern eine finanzielle Anerkennung für ihren kreativen Output zukommen lässt, dann klingt das eigentlich nicht so schlecht, denn es dient als Anreiz und hat beispielsweise zur Folge, dass wir jetzt mehr Ingeborch-Content lesen können als früher.

    Dass die Technik verbesserungswürdig ist, kann ja sein, und dass man irgendwelche superwichtigen Blogger übergangen hat, meinetwegen auch. Aber viele andere Verlage ignorieren Blogs einfach oder äußern sich nur unqualifiziert darüber. Da erscheint es doch, zumindest im Vergleich, viel besser, wenn ein Verlag Bloggern sogar ausdrücklich eine Plattform bietet.

  5. creezy Says:

    aber wenn es da jemanden gibt, der Bloggern eine finanzielle Anerkennung für ihren kreativen Output zukommen lässt, dann klingt das eigentlich nicht so schlecht,

    Ja und nein, es verrät natürlich auch im Grunde die Sache an sich. Ich sage es mal so, nur weil alle gerne für ihren kreativen Output bezahlt werden würden, heißt es ja nicht, dass dies dem kreativen Output gut tut. Die wenigsten Dinge, die irgendwann einmal kommerziell wurden, haben einen positiven Entwicklungsweg genommen. Leider.

    Das Draufdreschen auf die Umsetzung und Technik, geschenkt. Es ist immer leicht etwas zu kritisieren, was bereits da ist anstatt zu respektieren, was geschaffen wurde. Das ist leider in weiten Teilen auch deutsche Meckerkultur. Hier kommt nun zusammen, dass der eine Teil auf die Inhalte herab blickt, der andere Teil auf die Technik.

    Borchert sollte in der Tat aufhören auf Kritik zu reagieren und lieber ihre Energie in den weiteren Aufbau stecken. Es gibt keinen sichtbaren Grund, warum sie der Arroganz der Nöler mehr als bereits getan entgegen treten sollte. Was dazu gesagt werden musste, ist gesagt worden. Basta.

    Ich weiß, dass ein künftiges von Holtzbrinck zum Launch vorbereitetes Portal den dort aktiven Blog-Protagonisten genau vier Wochen Zeit gibt «um Erfolg zu haben». Auf einer völlig neu im Markt zu etablierenden Plattform. Das zeigt mir einmal mehr, dass Oldmedia erschreckend wenig Ahnung hat vom Metier.

  6. haekelschwein Says:

    Ich finde, man kann nicht grundsätzlich sagen, dass Kommerzialisierung eine Sache schlechter macht oder verrät.

    Ein Beispiel: Volker Pispers oder Hagen Rether betreiben “kommerzielles Kabarett”, lassen sich also für ihre Auftritte bezahlen – ohne dass sie deshalb zahmer geworden sind oder jmd. nach dem Mund reden.

    Heikel wird es doch immer erst dann, wenn der Geldgeber inhaltliche Zugeständnisse erwartet, etwa die Übernahme der politischen Ansichten des Verlagshauses oder die Kritiklosigkeit gegenüber Werbekunden oder die Ausrichtung auf ein bestimmtes werbebannerklickfreudiges Publikumssegment.

    Ob diese Gefahren bei DerWesten gegeben sind, weiß ich nicht. Natürlich sollte man ein wachsames Auge draufhaben, aber andererseits auch nicht immer von vornherein das Schlimmste unterstellen.

    Auch nichtkommerzielle Blogger können ja eine “hidden agenda” haben oder insgeheim Schleichwerbung betreiben. Da liest man ein paar unverfängliche Blogbeiträge und hat plötzlich den Wunsch, gehäkelte Schweine zu kaufen: Soll alles schon vorgekommen sein!

  7. Ralf Says:

    Das Problem bei der Kommerzialisierung von Blogs ist die Konkurrenzsituation in die Blogger und Redakteure treten. Jeder Mensch hat nur ein gewisses Kontingent an Zeit das er mit Lesen verbringen kann. Wenn nun zu den X Redakteuren noch Y Blogger kommen, dann werden die Leser nicht Z Stunden mehr Zeit investieren um alles lesen zu können. Der Tag hat nur 24 Stunden und es werden nicht mehr nur weil mehr geschrieben wird.

    Die logische Konsequenz ist in absehbarer Zeit (mittel- bzw. langfristig) das eine von beiden Seiten -Blogger oder Redakteure- zu teuer werden. Bei 300Euro-Schreibkräften kann ich es mir nicht wirklich vorstellen das sie irgendwann zu teuer werden. Zumindest nicht aus der (neuen) Sichtweise der WAZ-Führung.
    Das erklärte Ziel der neuen “Onlineoffensive” war und ist es Kosten einzusparen. Da wird ja nun kein Hehl daraus gemacht. Die WAZ wäre nicht das erste Unternehmen das sich durch drastische Sparmaßnahmen erst ins Knie und dann in den Kopf schießt. DerWesten ist für mich schon einmal der klassische Schuss ins Knie. Fehlt noch der Schuss in den Kopf, der mit Sicherheit auch noch folgen wird. Der wird spätestens dann erfolgen, wenn weitere Lokalredaktionen geschlossen oder optimiert werden und das Angebot noch schlechter von den Kunden angenommen wird.

    Aber es geht ja nicht nur um ein begrenztes Kontingent an Zeit beim Leser. Wie Arno es bereits sagte, DerWesten ist kein Blog das man mit viel Liebe, Herzblut und 5Euro für etwas Webspace betreibt. Das ist ein Projekt in dem viel Geld gesteckt wurde und das bald auch mal viel Profit abwerfen muss. Da sind wir dann nun wieder bei der mangelnden Technik. Da ja bereits ein Millionenbetrag investiert wurde, wird die WAZ-Führung es sich ganz genau überlegen ob sie die gleiche Summe noch einmal investieren wird um die Fehler zu beseitigen und neue Features umzusetzen. Entweder das Ding steht vom ersten tag an und läuft zu mindestens 98-99% oder es gräbt sich mit seinen Fehlern sein eigenes finanzielles Grab. Niemand hat heute noch das Geld und die Lust ein Loch ohne Boden zu finanzieren.

    Man kann DerWesten toll, spannend, lustig und interessant finden. Man sollte dabei aber auch ein paar grundsätzliche Dinge nicht vergessen. Und eben genau bei diesen grundsätzlichen Dingen schweigt sich die komplette WAZ inkl. Katharina Borchert aus.
    Wie sich manchmal kleine Dinge verheerend auswirken können, sieht man am Fall Opel/Lopez. Lopez sparte so sehr an der Qualität, dass Opel daran fast pleite ging. das Image war ruiniert und es kostete etliche Milliarden und viele Jahre um das schlechte Image wenigstens ansatzweise zu reparieren. Trotzdem hat Opel nach wie vor einen schlechten Ruf und nie wieder die Umsatzzahlen von vor der Lopez-Ära erreicht.

    Ich weiß nicht wie oft die Manager die gleichen Fehler noch machen wollen. Aber offensichtlich hält sich jeder von denen für den großen Merlin der aus Blei Gold machen kann.

  8. Jens Says:

    Sieht man sich zum Beispiel die Berichterstattung zum Thema Nokia in Bochum an, hat der Westen am schnellsten und umfassendsten informiert. So geht gute (Regional)berichterstattung.

    Aber nicht auf lokaler Ebene. ;)
    bzw. eigentlich eher: :(

  9. schmerles Says:

    Ich habe nicht so viel Zeit, immer da zu lesen. Ab und zu sehe ich mal vorbei, meistens an Stammplätzen. Ich vermute, das Ding/Kind hat mehr Leser insgesamt als Kritiker. Und oft sind es auch Kinderlose, die sich über “Blagen” trefflich aufregen können. Deshalb würde ich mich darum gar nicht scheren.