Am kürzeren Hebel

Montag, 1. Oktober 2007 geschrieben von Syberia

Stellen Sie sich vor, Sie sind eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindergartenkindern, die halbtags für 400 Euro arbeiten geht. Reicht natürlich nicht, weshalb sie vom Amt einen Zuschuss bekommt (nennt man Hartz-IV-Aufstocker). Kindergeld und Kindesunterhalt wird davon abgezogen, es reicht gerade so für ein äußerst bescheidenes Leben.

Eines Tages zahlt das Arbeitsamt nicht. Frau X ruft beim Arbeitsamt an. Sie solle nicht so ungeduldig sein, manchmal verspäte sich die Zahlung halt. Daueraufträge und Lastschriften können nicht abgebucht werden, Bearbeitungsgebühren in Höhe von jeweils 15 Euro pro “zurückgegebener Lastschrift” für Miete, Strom, Telefon etc. werden fällig.

Der Vermieter wird mehrfach vertröstet und droht mit Kündigung. Frau X borgt sich das Geld von Verwandten und Freunden zusammen, lebt von Nudeln mit Ketchup und Haferflocken mit Wasser. Monatelang kommt kein Geld vom Amt. Frau X geht zum Anwalt, reicht Klage ein, der Klage wird stattgegeben, die ARGE zahlt dennoch nicht. Erst eine erneute Klage bringt die ARGE zum Einlenken.

Nach neun langen Monaten – neun Monaten! – zahlt sie schließlich endlich wieder. Frau X gibt ihren Freunden und Verwandten das geborgte Geld zurück. Auf den Kosten für die Bankgebühren und die Zinsen für den kleinen Überziehungskredit bleibt Frau X sitzen, “auf keinen Fall werde so etwas erstattet, da kann ja jeder kommen, seien Sie froh, dass wir den Fehler gefunden haben und Sie jetzt wieder was kriegen”.

Im übernächsten Monat bleibt die Zahlung erneut aus. Bei einem Termin bei der ARGE erfährt Frau X, das man ihren Fall “zur Zeit sehr genau dahingehend prüfe, ob tatsächlich eine Bedürftigkeit vorliege”, denn sie sei doch neun Monate ohne Geld vom Arbeitsamt ausgekommen. Bis die Überprüfung abgeschlossen sei, werde sie keine weiteren Zahlungen erhalten, “aber das dürfte ja kein Problem für Sie darstellen… Sie werden schon noch lernen, wer von uns am längeren Hebel sitzt, wenn Sie uns ärgern wollen, ärgern wir Sie zurück.”

Ich schreibe mal lieber nicht, was ich mit solchen Leuten gerne veranstalten würde.

12 Antworten to “Am kürzeren Hebel”

  1. Cecie Says:

    *GRRRRRR*

    diese argumentation der herrschaften liest man ja neuerdings öfter – es ist eine einzige bodenlose frechheit, voller arroganz und häme… und einfach zum kotzen (sorry den ausdruck).

  2. Antidote Says:

    Sie können ruhig schreiben, was man mit solchen Leuten machen sollte. Man sollte Sie in den Steinbruch schicken und bis ans Lebensende Kalkstein schippen lassen! Bei Brot und Wasser und 50°C Hitze und mit Volksmusik-Beschallung!! Zumindest stelle ich mir so oder so ähnlich die Hölle vor…

  3. dasmiest Says:

    Nee, das geht viel einfacher: die Leute entläßt man, setzt sie auf Hartz IV, nimmt ihnen ihre Ersparnisse, sagt ihnen, dass sie ihr Haus verkaufen, aus ihrer Wohnung ausziehen müssen. Nach zwei Jahren fragt man nochmal, wie sie solche Fälle regeln wollen.

  4. kaltmamsell Says:

    Die Argumentation ist diesselbe wie in manchen Unternehmen, wenn man dringend mehr Personal braucht und Überstunden schiebt bis zum Abwinken: Kurz bevor die gefundene neue Mitarbeiterin ihren Job antritt, wird die zusätzliche Stelle doch wieder gestrichen, weil “es geht doch ganz offensichtlich auch so”.

  5. Hermes Says:

    Ich schreibe es: An den Eiern an die Wand tackern!!!

  6. saunabiber Says:

    http://www.welt.de/berlin/article1228576/Pfndungsbeschluss_gegen_Jobcenter.html

  7. Syberia Says:

    der Vorschlag von dasmiest gefällt mir.

  8. eksirf Says:

    Grummel – verkehrte Welt. Konsquenz: Mann muss also sich selbst oder sein Kind verhungern lassen…

  9. Conny Says:

    Es ist echt furchtbar, dass sowas passiert. :(

  10. legatus.twoday.net Says:

    Wütend…

    Ich bin nen ruhiger Mensch. Jeder der mich näher kennt weiß, dass ich mich sehr selten über Dinge aufrege und das ich noch viel seltener richtig wütend werde. Wenn ich dann aber immer öfter und immer mehr solche Sachen lesen m…

  11. Frau Rabe Says:

    wuah, da geht auch mir die nicht vorhandene Hutschnur hoch. Schikane. Und da kann kein Sachbearbeiter beim Amt sagen, dass sei ihm von Nürnberg so vorgegeben worden. Nein. Das ist was persönliches. Was menschenverachtendes.

  12. Heine Says:

    …zu diesen Kommentaren fiele mir jetzt einiges ein……

    …zur Sache: eine Sau ist noch kein ganzer Schweinestall….