15 Minutes of Shame

Donnerstag, 27. September 2007 geschrieben von Syberia

1994 filmt ein Team von Stern TV die Familie Ritter. Anlass: die Kinder der Familie, die noch zur Grundschule gingen, waren in eine Nachbarswohnung eingefallen und hatten diese komplett verwüstet.

Die Direktorin der Schule wird interviewt und zeigt die von den Ritter-Kindern gebastelten Schlagstöcke, mit denen sie Mitschüler jeden Morgen “begrüßt” hätten. Lehrer und Schüler hätten sich gleichermaßen vor den Kindern gefürchtet, bei denen eine Hemmschwelle ihre Gewaltbereitschaft betreffend nicht erkennbar gewesen sei.

Ein Reporter fragt den Ältesten, was er denn werden wolle, wenn er groß sei. “Neonazi”, ist die Antwort. Und auf die Frage nach dem Warum antwortet der 7-Jährige, der Baseballschläger und der schwarzen Uniformen wegen. Mit dem Baseballschläger wolle er dann die Ausländer blau hauen, die den Deutschen die Arbeit weg nähmen.

13 Jahre später ist dieses Ziel erreicht. Die Familie wohnt noch immer in dem abgewrackten Haus, das als eine Art Obdachlosenasyl fungiert und behauptet besser zu sein, als ein Schlafplatz unter der Brücke. Haus und Hof sind heruntergekommen und zugemüllt, auf dem Hof stehen drei Dixie-Klos, da die sanitären Anlagen im Haus regelmäßig zerstört worden seien. Duschen gäbe es nicht. Der älteste Sohn wankt über den Hof, vermöbelt die Kinder seiner Schwester, die Bierflasche dabei ständig in der einen Hand, zeigt stolz seine Messersammlung und seine rechtsradikale Zimmerdeko vor. Die anderen Geschwister sitzen oder saßen ein (Kommentar der Mutter: “Wenn die alle im Knast sind, ist endlich Ruhe.”), dröhnen sich die Birne zu und tun ansonsten nichts. Die Schwester bekommt ein Kind nach dem anderen von diversen Männern, auf sieben Stück hat sie es bereits gebracht: “Das Problem pflanzt sich in der dritten Generation fort.”

Im Studio dann ein resignierter Herr und eine resignierte Dame vom Amt, beide in beiläufigem Ton um Erklärungen für ihr Nichtstun bemüht. Die Familie sei “ein Highlight”, wie es selten vorkomme. Keiner aus der Familie unternähme auch nur die kleinste Anstrengung aus diesem Milieu auszubrechen. Die Bindung der Kinder an die Mutter sei stark, der Familienzusammenhalt sehr ausgeprägt, daher wolle man die Kinder bei der Mutter belassen. Man könne keinem helfen, der sich nicht helfen lassen wolle, es hätte zahlreiche vergeblich Versuche gegeben. Das Haus, welches die Stadt der Familie Ritter zur Verfügung stellt, habe man seit Jahren nicht betreten, weil die Familie dies nicht erlaube, die Zustände dort sehe man daher zum ersten Mal.

Heute – inzwischen ist eine Woche vergangen – sitzt Herr Jauch erneut dem Herrn vom Jugendamt im Studio gegenüber. Kurz werden Reaktionen der Bürger des Wohnortes der Familie Ritter gezeigt. Der Bürgermeister sieht keinen Handlungsbedarf, denn diese Personen hätten die Zustände, in denen sie leben, selbst herbeigeführt. Der Mann joggt jeden Tag an jenem Haus vorbei und kennt sich daher bestens aus. Der Leiter des Jugendamtes hingegen ist im Studio bemüht, den hilflosen Eindruck wett zu machen, den er dort bei seinem letzten Besuch hinterlassen hat. Man werde nun aktiv, die Reaktionen der Zuschauer hätten ihn und seine Leute doch betroffen gemacht, verbockt hätten die Sache seine Vorgänger im Amt, denen es in dreizehn Jahren nicht gelungen sei, positive Veränderungen herbei zu führen. Man prüfe nun dies und erwäge jenes – und vor allem sei man nun endlich aktiv geworden: man habe ein neues Konzept erstellt.

20 Antworten to “15 Minutes of Shame”

  1. Niels Says:

    dann nehme ich mir den bericht als wiederholung nochmal auf.
    wir haben den bericht letzte woche auch mit erschrecken gesehen.

    aber ob da wirklch was passiert?

  2. Cecie Says:

    auch gesehn. ich werd auch mal “konzepte erstellen”. man muss ja keinem sagen, ob und was sowas beinhaltet. gestern konnte ich mir keine meinung machen, ich war einfach sprachlos…

  3. SeineHeiligkeit Says:

    Haus abfackeln, Kinder in Pflegefamilien geben, Erwachsene sterilisieren.

  4. andy Says:

    ich hab den bericht auch gesehen, aber ehrlich gesagt hätte man die kinder damals von den eltern wegholen sollen, jetzt is da glaub ich nichts mehr zu machen. die söhne werden sich glaub ich nichts mehr sagen lassen, weder vom amt noch von sonst irgendjemandem. einzig die kinder der tochter könnte man bestimmt noch retten.

  5. doesntmatter Says:

    Sie sprechen von retten, aber ich denke nicht, daß diese Leute gerettet werden wollen, und was die Kinder der Tochter angeht, wer will sich das denn bitte antun und was wird das wohl kosten, wieder gerade zu biegen, was dort an Schaden angerichtet wurde (wobei die genetische Veranlagung wie heute wissenschaftlich belegt ist, eine nicht geringe Rolle spielt). Diese Spirale nimmt doch kein Ende, auch wenn es ein Reizwort ist, sollte tatsächlich über eine Zwangsterilisation nachgedacht werden. Leid tun mir in diesem Fall nur die Steuergelder, die dort zum Fenster hinausgeworfen werden. Sicher sah das Haus nicht so aus, als die Familie es damals übernommen hat! Je mehr Geld man solchen Leuten gibt, umso mehr geben sie für Alkohol und Drogen aus und würde man ihnen eine neue Unterkunft zur Verfügung stellen, würde die bald genauso aussehen wie die alte.

  6. saunabiber Says:

    von euch weiss doch keiner, wie es ist, von hartz4 leben zu müssen, es ist ein skandal wie die leute dadurch aufs soziale abstellgleis geschoben werden! das sein bestimmt das bewusstsein, hartz muss weg!

  7. ramses101 Says:

    Das soziale Abstellgleich haben die sich ja nunmal selbst ausgesucht. Und zwar lange vor Hartz4. Was würde sich denn ändern, bekämen die mehr finanzielle Zuwendung? Erstmal die Bibliothek aufstocken? Hartz4 ist in diesem Fall keine Mindestabsicherung sondern eine Bier-Flatrate.

  8. SeineHeiligkeit Says:

    Erstmal die Bibliothek aufstocken, sehr geil!

  9. mariong Says:

    es gibt solche Traditionsfamilien, die wird es auch immer geben, in jeder Gesellschaft.
    Das Geld kann man sparen und zum Beispiel in Afrika oder Brasilien oder wo in Straßenkinderprojekte stecken, dort wäre es besser angelegt.

  10. Jule Says:

    Das hat ja nunmal gar nichts mit Hartz4 zu tun..
    Ich ahbe den Bericht gestern auch gesehen. Absolut schockierend, aber auch ich denke, dass da nichts mehr zu machen ist. Zumindest nicht bei Tochter und Nazi-Sohn. Der zeitpunkt an dem dort jemand hätte handeln müssen ist seit vielen jahren leider überschritten.
    Bei den vielen, vielen Kindern der Tochter muss man ansetzen, damit ich diese Spirale nicht noch weiterdreht..

  11. creezy Says:

    Da helfen auch neue Konzepte nicht. Solange diese Familie und ihre einzelnen Mitglieder so glücklich ist wie sie lebt, wer soll da eine Änderung herbei führen?

    Man kann allenfalls gucken, wie es den jüngsten Kindern geht und sie im Zweifelsfalle wegholen. Alleine der Tatbestand, die Kinder sind einer rechtsradikalen nahen Erziehung ausgesetzt, wird leider nicht reichen … dann müsste vermutlich jede fünfte Familie in Deutschland ihrer Kinder enteignet werden.

  12. kaltmamsell Says:

    Ich fürchte, zu einer Demokratie gehört auch das Recht, das eigene Leben voll gegen die Wand zu fahren. Inklusive dem der eigenen Kinder – sie in Scharen auf die Welt zu setzen und ihnen keinerlei Aufstiegsschancen zu geben, fällt nicht unter Misshandlung. Dass der Rest der Gesellschaft einer winzigen Minderheit diese Art Leben finanziert – das sollten wir uns leisten können, müssen wir sogar. Was wäre die Alternative? Elendsviertel mit Wellblechhütten am Stadtrand? Wenn meine Steuern das verhindern können, zahle ich sie gerne.

  13. ichichich Says:

    Danke, Frau Kaltmamsell. Die Stimme der Vernunft.

  14. Schwarzmaler Says:

    Vernunft? Wären die Kinder Autos hätte man sie ihnen schon längst weggenommen.

  15. MoGX Says:

    Wer so leben will, nunja, der soll es tun.
    Und wer heute dafür Zwangsterilisation fordert, wofür mag er die morgen fordern? Rauchen? Pinkeln in der Öffentlichkeit?

  16. Syberia Says:

    Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand für ein solches Leben bewusst entscheidet – und schon gar nicht die Kinder (weder die, die es vor 13 Jahren waren, noch die, die heute welche sind). Einen glücklichen Eindruck macht niemand aus dieser Familie.

  17. Antidote Says:

    Bei ein oder zwei dunkelgrauen Kommentaren weiter oben – ich glaub es war der 5. oder so – fehlen mir jetzt aber auch fast die Worte…

  18. Ilona Says:

    Ich sehe, dass meine Heimatstadt nun wohl um eine “Attraktion” reicher ist… Traurig, aber wahr. Doch Fam. Ritter war auch vor der Wende schon für jeden Köthener ein Begriff, leider nur im negativen Sinne. Meine Schwester wohnt dort ganz in der Nähe und wurde auch schon von den Kindern (!) nebst Mutter terrorisiert.

    Es ist wirklich schwer, da was ändern zu wollen, wenn die Betroffenen es nicht wollen und gemeinsam und gewaltsam Front machen gegen alles, was sich einmischen will. Aber es einfach aufzugeben und kopfschüttelnd jeden Tag dran vorbei zu joggen, ist auch nicht gerade “politikerkarrierefördernd”. Hoffentlich hat der tolle Bürgermeister sich damit selbst den Gnadenstoß gegeben…

  19. Sebastian Says:

    Tja – das ist traurige Realität – die Gesellschaft hat dort versagt :-(

  20. Sebastian Says:

    Nachtrag – Bei mir gibts dazu die Leserbriefe aus der lokalen Tageszeitung