“Als mein Vater bei der RAF war”

Freitag, 14. September 2007 geschrieben von Syberia

- oder “Wie ich meinem Vater mal den Verfassungsschmutz auf den Hals hetzte”

Wenn die Gespräche der Erwachsenen interessant wurden, geschah das exakt zu dem Zeitpunkt, da man aufgefordert wurde die Tür des Kinderzimmers von innen zu schließen. Verdammt. Jahrelang konnte ich unter dem Esstisch komplett desinteressiert tun (“Mais pas devant les enfants!” – “Ach was, die sind so in ihr Spiel vertieft…”), mit fortschreitendem Alter aber stellte ich die Fragen, die mir im Kopf herumgingen am Tag danach laut (“Du Mama, wieso ist es nicht gut, dass der Opa nichts anbrennen lässt?” – “Papa? Warum darf die Tante Ilse nicht wissen, dass der Onkel Klaus-Dieter ein Kind gekriegt hat?”).

Ich war daher schon früh gezwungen ausgeklügelte Lausch-Strategien zu entwickeln, um auf dem Laufenden zu bleiben. Die einfachste Methode war es aus dem Kinderzimmerfenster zu klettern, ums Haus zu schleichen und sich unter das geöffnete Wohnzimmerfenster zu setzen. Leider war das im Winter kalt und während der warmen Jahreszeiten rief die blöde Frau B. von nebenan immer herüber, was man denn da machen würde.

Damals war ich einem Autor namens “Leutnant X” aus dem Schneiderbuchverlag verfallen und spielte eher selten mit Puppen, dafür aber leidenschaftlich “Spion gegen Spion”, außerdem las ich gerne “Yps”-Hefte. Versuche, die abgebildeten, technisch raffinierten Abhörgeräte mittels aus dem Mülleimer gefischten Joghurtbechern und einer Paketschnur zu basteln, schlugen jedoch fehl, daher wurde ich Meisterin im lautlosen Türklinkenherunterdrücken. Das so gut wie lautlose Öffnen einer Tür ist lediglich eine Frage der Langsamkeit – und des Gefühls, im richtigen Moment das charakteristische Klicken in einem laut gesprochenen Satz untergehen zu lassen. Es genügte dann, die Tür einen winzigen Spalt aufzumachen und sich ruhig zu verhalten, um den Unterhaltungen der Erwachsenen folgen zu können.

Wahrscheinlich wären diese meine Lauschangriffe noch eine ganze Weile nicht aufgeflogen, hätte ich nicht eines Tages jenen Aufsatz in der Grundschule zum Thema “Geheimnis” abgegeben:

“Ein Geheimnis weiß man nur selbst und man darf es nicht weitersagen, sonst ist es kein richtiges Geheimnis mehr. Keiner außer mir weiß, dass der Freund von meinem Vater eine Pistole hat. Meine Schwester weiß nichts davon, nur ich. Ich habe sie selbst gesehen, aber ich habe sie nicht angefasst. Sie ist schwarz und sie liegt in der Schublade vom Nachtschrank. Meine Mutter sagt, dass ich das keinem erzählen darf, weil es sonst kein Geheimnis mehr ist. Der Freund von meinem Vater schießt auch nur auf böse Leute. Die Frau von dem Freund von meinem Vater findet die Pistole nicht gut, aber die anderen wollen, dass er eine Pistole hat und da kann man nichts machen. Ich habe die Schublade aufgemacht, weil ich dachte, da wäre Schokolade drin. Da war aber keine Schokolade drin. Trotzdem darf man nicht Schränke aufmachen, wenn man bei fremden Leuten ist und nicht da wohnt. Wenn man da wohnt, darf man alles aufmachen, aber man muss vorher fragen. Man darf auch nicht die Briefe von anderen Leuten lesen, das ist nämlich das Postgeheimnis. Auf der Post hängen Fotos von Leuten, die auch Pistolen haben. Das sind Leute, die von der Polizei erwischt worden sind. Mein Vater ist einmal auch fast erwischt worden, aber er war schneller und ist aus dem Fenster gesprungen. Es gibt auch Pistolen aus Schokolade, aber meine Mutter kauft uns sowas nicht. Der Freund von meinem Vater musste viel üben, sonst trifft man daneben, so wie mit einer Bombe. Wenn so eine Bombe explodiert, dann sind ganz viele Leute tot, aber nur die Bösen sind dann tot, wenn man es richtig macht.”

Üblicherweise erhielten wir unsere Aufsätze schon am nächsten Tag korrigiert zurück, auf diesen warteten wir jedoch wochenlang vergebens. Was meine Familie stattdessen bekam, war Besuch aus Wiesbaden. Zwei Herren in grauen Anzügen, einer mit Glatze und der andere so groß, dass er mit dem Kopf gegen die Lampe im Arbeitszimmer meines Vaters stieß. Sie schlossen die Tür hinter sich und sprachen fast vier Stunden mit meinem Vater, während meine Mutter wie ein aufgescheuchtes Huhn zwischen Flur und Wohnzimmer hin- und her trippelte und mir einmal sogar hysterisch auf die Finger klopfte, weil ich meiner Lausch-Strategie nachzugehen versuchte.

Sie haben meinen Vater dann nicht mitgenommen, trotz der “vorliegenden akuten Verdachtsmomente, denen man nachgehen müsse”. Das akut vorliegende Verdachtsmoment hieß Frau S., war meine Klassenlehrerin – und die Schwägerin eines Kollegen der beiden Herren.

Der guten Frau S. (wir wohnten seinerzeit sehr ländlich) war nicht entgangen, dass mein Vater mehrmals im Jahr verschiedene Ostblock-Länder besuchte, zu seinem schwarzen Talar gut sichtbar rote Socken (!) trug und dass auf seiner Jacke, neben einer winzigen roten Metallflagge und einem verdächtigen kreisförmigen Aufnäher, ein “Ich bin eine kleine aber radikale Minderheit”-Sticker prangte. Während Frau S. noch mit sich rang, ob sie ihrer Bürgerpflicht nachkommen sollte, fiel ihr der letzte noch benötigte Beweis in Form meines Aufsatzes in die Hände: “Kindermund tut Wahrheit kund!”.

Nun ja. In die Kommunistenländer fuhr mein Vater regelmäßig, weil er von der Landeskirche dafür bezahlt wurde. Die Metallflagge war das Geschenk eines befreundeten polnischen Journalisten gewesen, der steif und fest behauptete, das Ding habe einmal Stalin gehört. Der Aufnäher zeigte nicht das “RAF”-, sondern das “Peace”-Symbol. Kann man ja mal verwechseln, nicht wahr. Den Sticker hatte mein Vater noch zu seinen CDU-Zeiten in Ost-Berlin, kurz vor seiner Flucht in den Westen, erstanden. Seiner Mitgliedschaft in dieser in der DDR verbotenen Partei wegen musste er sich durch einen Sprung aus dem Fenster davonmachen, um einer Verhaftung durch die Volkspolizei zu entgehen.

Das Schießeisen gehörte einem Studienfreund meines Vaters, der es zum Gefängnispfarrer in einem Knast mit trauriger Bekanntheit gebracht hatte. Zu seiner Dienstausrüstung gehörte neben der Bibel auch eine Walter PPK. Immer, wenn wir zu Ostern bei dieser Familie weilten, legte die Dame des Hauses uns in der ersten Nacht ein Betthupferl aufs Kopfkissen. Einmal hatte sie es vergessen und ich mutmaßte, dass es vielleicht, ähnlich wie bei uns zuhause, in der Schublade ihres Nachtschränkchens liegen könne. Ich schnüffelte sonst nicht in anderer Leute Schränke herum, wurde aber mit Süßigkeiten extrem knapp gehalten und war daher ständig hinter dem Kram her. Den Pistolenfund petzte berichtete ich sofort meiner Mutter, die ebenso schockiert war wie ich – und der Gefängnispfarrer versuchte sich in Schadensbegrenzung, indem er mir meine Angst mit dem zu nehmen suchte, was er für kindgerechte Erklärungen hielt.

Obwohl ich für den ganzen Schlamassel ja nun wirklich nichts konnte, musste ich zur Strafe drei Monate lang den Kaninchenstall ganz alleine ausmisten sowie einen Monat lang die Treppe putzen.

In der Nachbarschaft hielt sich noch jahrelang das Gerücht, meine Eltern seien Mitglieder oder doch zumindest Sympathisanten der RAF, was mich auf dem Schulhof übrigens zu einer sehr beliebten kleinen Person machte. Eventuell habe ich nämlich trotz allerstrengster Verbote und Androhung härtester Strafen (“Vier Wochen kein Black Beauty und bis Weihnachten kein Nutella!”) die eine oder andere Geschichte dazu erfunden.

23 Antworten to ““Als mein Vater bei der RAF war””

  1. Sanníe Says:

    .

  2. JungerHüpfer Says:

    Sehr schön geschrieben und vielleicht aktueller als man denkt.

  3. dasmiest Says:

    Klasse. Sehr klasse. Kinder sind doch was tolles :-)

  4. kaltmamsell Says:

    Sehr wundervoll! An Stelle Deiner Eltern hätte ich Dich daraufhin erheblich respektvoller behandelt.

  5. Nerdcore — Links vom 15. 9. 07: Hardcore Turtles, Eva Herzigova, RAF, Logotrends und Schäubles Weltbild Says:

    [...] “Als mein Vater bei der RAF war” – oder “Wie ich meinem Vater mal den Verfassungsschmutz auf d… Ich war daher schon früh gezwungen ausgeklügelte Lausch-Strategien zu entwickeln, um auf dem Laufenden zu bleiben. Die einfachste Methode war es aus dem Kinderzimmerfenster zu klettern, ums Haus zu schleichen und sich unter das geöffnete Wohnzimmerfenster zu setzen. Leider war das im Winter kalt und während der warmen Jahreszeiten rief die blöde Frau B. von nebenan immer herüber, was man denn da machen würde. (via) [...]

  6. das blaue mädchen Says:

    feine geschichte. aber seit wann war die CDU in der DDR verboten? war doch ‘ne blockpartei?

  7. Thomas Says:

    Deine Geschichte hat mich sofort an meine Kindheit erinnert. Meine Mutter hatte auch mal Besuch vom MFS, weil ich in der Schule schön laut den Werbesong von Schneekoppe gesungen habe. Hab heimlich Westfernsehn geguckt.

  8. Louffi Says:

    Eine sehr geile Geschichte! Und prima geschrieben :) )

  9. Thies Says:

    “Geheimagent Lennet”, nicht wahr? Hab ich auch verschlungen.

  10. sven scholz - sagichdoch? » Fremdlesen Says:

    [...] hier. “[…] Auf der Post hängen Fotos von Leuten, die auch Pistolen haben. Das sind Leute, die von der Polizei erwischt worden sind. Mein Vater ist einmal auch fast erwischt worden, aber er war schneller und ist aus dem Fenster gesprungen. Es gibt auch Pistolen aus Schokolade, aber meine Mutter kauft uns sowas nicht. Der Freund von meinem Vater musste viel üben, sonst trifft man daneben, so wie mit einer Bombe. Wenn so eine Bombe explodiert, dann sind ganz viele Leute tot, aber nur die Bösen sind dann tot, wenn man es richtig macht.” [...]

  11. kreuzberger Says:

    Die RAF hat uns Kinder damals schon sehr geprägt: Ich war z.B. mal Christian Klar

  12. Syberia Says:

    knicks.gif
    Danke, sehr lieb. ich dachte schon, das liest eh keiner, weil es so lang ist…

    (Ihr habt “Terroristen” gespielt?!)

  13. pk210 Says:

    Eine faszinierende Geschichte und noch dazu ganz großartig geschrieben.

  14. kreuzberger Says:

    @Syberia: Das war tatsächlich in meiner – ansonsten recht unauffälligen – Kindheit eine beliebte Cowboy-und-Indianer-Variante.

  15. mariong Says:

    Nein. Die Geschichte war tatsächlich interessant und ich könnte einen ganz ähnlichen Aufsatz schreiben, nur leider nicht so schön formulieren, aber ich fürchte mich, denn wer weiß ob dann demnächst schäubles Leute vor der Tür stehen :-)
    Danke. Weiter so.

  16. Phil Says:

    “Schön geschrieben, und heute besonders aktuell.”

  17. eloran Says:

    Großartig. Mit der Geschichte direkt in den RSS-Feed geschrieben. So kann’s gehen.

  18. Phil Says:

    btw. “verfassungsschmutz;-)

  19. creezy Says:

    Sehr sympathisch und ansonsten: . ;-)

  20. Da Shan Says:

    Wirklich eine schöne Geschichte die zeigt, wie schnell man durch falsch gewählte Worte in den Fokus geraten kann ohne es eigentlich zu wollen oder aber auch nur zu brauchen.

  21. DonDahlmann Says:

    Liebe Syberia,

    den Text hätte ich sehr, sehr gerne für Mindestenshaltbar. Wenn Du magst, melde Dich doch bitte mal bei mir unter dondahlmann gmail com
    Danke!

  22. Syberia Says:

    Abgeschickt.

  23. DonDahlmann Says:

    Danke!