Arzttermin
Donnerstag, 2. November 2006 geschrieben von Syberia“Tut uns leid, wir vergeben keine Termine mehr für Kassenpatienten in diesem Jahr. Wenn Sie privat versichert sind, kommen Sie einfach ohne Termin vorbei, Sie haben dann auch keine Wartezeiten. Nein, keine Termine mehr, auch nicht bei akuten Beschwerden und bei Schmerzen. Wenn Sie bereit sind, die Differenz zur Privatkassenleistung selbst zu tragen, kann ich Ihnen einen Termin Mitte Februar geben.”

November 2nd, 2006 at 10:51
sind die wirklich so dumm?
November 2nd, 2006 at 11:27
Die sind wirklich so… gewinnorientiert.
November 2nd, 2006 at 12:13
Oder so pleite?
November 2nd, 2006 at 13:31
Wenn “die” ihre Kontingente für dieses Jahr ausgeschöpft haben (und das geht schnell), zahlen sie bei jedem Kassenpatienten drauf, den sie trotzdem annehmen. Däumchendrehen kommt die Ärztin dann tatsächlich billiger.
November 2nd, 2006 at 15:00
Das war sozusagend die lange Variante meiner Aussage
November 2nd, 2006 at 15:17
Kaltmamsell liegt völlig richtig. Sollen Ärzte, die viel Geld und Zeit in ihre Ausbildung investiert haben nachher vielleicht umsonst arbeiten oder sogar draufzahlen? Das würden Sie auch nicht tun. Abgesehen davon kann sich jeder, der über 46.350 EUR brutto pro Jahr verdient privat versichern (entspricht dem durchschnittlichen Haushaltseinkommen in Deutschlands). Jeder muss selbst wissen, was ihm seine Gesundheit wert ist.
November 2nd, 2006 at 16:28
Und die, die nicht soviel verdienen? Sollen die dann bis nächsten Februar mit ihren Schmerzen leben? Aber wahrscheinlich gehören die sowieso zur Unterschicht. Insofern: who cares…
November 2nd, 2006 at 16:41
Die arme Unterschicht ist ja so bekannt für ihre gesunde Lebensweise, kein Sport, dafür jede Menge Chips und Schokolade beim Gucken von niveauvollen Talkshows und am Sonntag geht es mit den Kindern zu McDonald. Was soll’s, für die Kosten die von selbst verschuldeten Krankheiten (Diabetis, Arthrose, Herzprobleme) kommen ja die anderen auf, die jeden Tag arbeiten gehen, ihre Kinder zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft erziehen, sich gesund ernähren und regelmäßig Sport treiben. Ja ich bin der Meinug wer an seiner Gesundheit Raubbau treibt, der muss dann eben die Konsequenzen aushalten.
November 2nd, 2006 at 16:46
ist doch klar: nicht mit den schmerzen leben, sondern einfach auf die natürliche selektion warten: ist patient bis februar wieder gesund, war der arzt im recht. ist patient bis februar tot, kann er den arzt nicht mehr klagen, und die hinterbliebenen haben nicht genügend fachwissen um die notwendigkeit der unmittelbaren behandlung beweisen zu können.
46.350 EUR verdient doch sowieso fast jeder, wo leben sie denn? wegen der paar unterschichtler, ich meine, also wirklich.
langsam dringt jetzt wirklich durch, wie pleite die krankenkassen sind, in österreich ist es auch bald so weit. kann man nur gesund bleiben oder sich rechtzeitig aufhängen.
November 2nd, 2006 at 18:09
@ doesntmatter
Können Sie sich vorstellen, dass es auch Menschen gibt, die eine gesunde Lebensweise an den Tag legen und dabei keine € 46.350 brutto pro Jahr verdienen?? Oder ist das Ihrer Vorstellungskraft zu viel abverlangt?
So einen bescheuerten Kommentar habe ich lange nicht gelesen!
November 2nd, 2006 at 19:14
Ich meine, so einem Arzt gehört die kassenärztliche Zulassung entzogen. Wer meint, in dem System nicht genug zu verdienen, dem steht es frei, allein auf Privatpatienten zu setzen. Aber die Arbeit der ersten neun Monate des Jahres wurde ja anscheinend nicht ungern bei den gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet.
November 2nd, 2006 at 20:02
Eine freundliche Mitteilung an die eigene Krankenkasse und die Kassenärztlicher Vereinigung soll da Wunder wirken. Hier versucht ein Arzt auf dem Rücken der Patienten seine Probleme mit dem Gesundheitssystem zu lösen. Er hat die Chance aus dem System auszusteigen (nur noch Privatpatienten). Das haben Kassenpatienten im Allgemeinen nicht. Es sind solche Handlungen, die dazu führen, daß Ärzte nicht mit der Solidarität ihrer Patienten rechnen können.
November 2nd, 2006 at 23:50
Sannie, das Verhalten des Arztes ist sicher nicht ok. Jemanden mit Schmerzen abzuweisen, kann nciht OK sein und ist nicht es auch nicht. Die Meldung an die KV würde übrigens ergeben, dass die Arzthelferin eigenmächtig gehandelt hat und den Ernst der Lage nicht erkannte…
Dein 2. Satz ist ja genau der Punkt: Die ersten neun Monate wurde abgerechnet. Die letzten 3 werden nicht mehr bezahlt. Warum soll der Arzt da arbeiten?
Das mit dem KÄ-Zulassung entziehen ist super. Dann haben die GKV-Versicherten auch die übrigen Monate keinen Arzt (und offensichtlich ist die Konkurrenz vor Ort ja nicht sehr beliebt oder überhaupt vorhanden, sonst würde ja sein Budget nicht ausgeschöpft sein).
November 3rd, 2006 at 08:09
Schwarz – Weiß
Es gibt überall – und da bin ich mir wirklich sicher – Ärzte, die aus Überzeugung (neben dem Geld) ihre Tätigkeit ausführen.
Ich habe mir – nach längerer Suchzeit übrigens – sowohl einen SUPER Frauenarzt (schwarz) gesucht (der hat sein Wartezimmer immer voller unversicherter junger Mädchen sitzen, die noch nicht einmal legal in Deutschland sind) als auch einen verschrieenen, weil Drogenabhängige substituierenden, Allgemeinarzt (voll weiß) gefunden.
Jetzt habe ich das unglaubliche Glück, nur so eins, zwei Mal überhaupt in die Verlegenheit zu kommen, als Patient bei einem der beiden aufzutauchen. Aber – ehrlich – ich wurde noch NIE NIE NIE abgewiesen.
November 3rd, 2006 at 13:51
Das verdanken wir -nicht nur- dieser fachfremden Exkommunistin im Ministerinnensessel.
November 3rd, 2006 at 14:56
Exmaoistin bitte!
November 3rd, 2006 at 20:39
Nur mal so, quasi als Betroffene der anderen Seite:
- Das Budget einer Praxis wird quartalsweise berechnet, nicht über ein ganzes Jahr hinweg. Auch wenn es nicht okay ist, einen Patienten im akuten Notfall abzuweisen, im hier beschriebenen Fall müssen noch andere Gründe als die Überschreitung des Budgets vorliegen. (Es klingt verdammt nach einem besonders schlauen Alleingang der entsprechenden Arzthelferin – habe ich selbst auch schon erlebt! Da wollte mir eine Arzthelferin den Überweisungsschein für einen gemeinsamen Patienten zur Schmerztherapie verweigern. Der Kollege, mit dem ich mich dann habe verbinden lassen, ist fast in den Boden versunken, als er das hörte!)
- Substitutionstherapie ist (zumindest in Berlin, von anderen KVen weiß ich es nicht) eine der bestbezahltesten kassenärztlichen Leistungen.
- Die meisten Ärzte, so auch ich selbst, arbeiten durchaus kassenärztlich weiter, auch wenn sie ihr Budget längst überschritten haben. (Ich weiß nicht mal genau, wann das der Fall ist; ich will es auch gar nicht so genau wissen, um die Patienten, für die ich kein Honorar mehr bekomme, für die für mich aber durchaus Kosten anfallen, nicht unbewußt anders zu behandeln, als diejenigen, bei denen dies noch nicht der Fall ist. Schließlich können sie ja nichts dafür, erst am Ende eines Quartals krank zu werden. Schlimm genug, dass sie die Praxisgebühr dann nur für wenige Wochen oder gar Tage entrichten müssen.)
Wie dem auch sei – Patienten und Kassenärzte sitzen im gleichen Boot. Zumindest in den sozial problematischen Bezirken.
November 4th, 2006 at 00:36
Vielleicht fehlt auch die Kontrollmöglichkeit.
Ich bekomme im Frühjahr immer von der Krankenkasse eine Aufstellung ihrer Leistungen des vergangenen Jahres.
So steht da, dass zum Beispiel der Augenarzt mit 158.64, der Ultraschall der Carotis mit 48.95 und der anschliessende Neurologe mit 9.04 zu Buche schlägt.
Ebenso der Kosten aller Medikamente aufgeschlüsselt nach Apotheken. Dort könnte ich, so ich wollte, auch eine Liste der einzelnen Medikamente erhalten.
Ich kann so jeden Arztbesuch und jede Verschreibung kontrollieren.
Also nicht so wie in Deutschland, wo die Kassenärztliche Vereinigung anonym verrechnet und kein Mensch überprüfen kann wo das Geld verschwindet.
Ich weiss dadurch nicht nur was ich zahle, ich weiss auch was die Kasse für mich bezahlt und kann das überprüfen.
Vielleicht schaffen es ja auch in Deutschland die Politker auch mal so etwas einzuführen.
Es dient allen.
November 6th, 2006 at 14:10
… genau das gleiche ist meiner schwester auch schon oft am telefon gesagt worden …
November 7th, 2006 at 13:02
Also ich sehe das so. Wenn ein Arzt mich schlechter behandelt nur weil ich Kassenpatient bin, dann ist ganz einfach der falsche Arzt für mich. Ein Arzt ist für mich eine Person des Vertrauens. Wenn der mir nur aufgrund der Kohle, die er für mich abrechnen kann, vertrauen schenkt – was ist das für eine Basis ?
Natürlich ist das ganze System selbst krank, aber dafür können die Kassenpatienten nichts. Nur wer muss es wieder ausbaden ?
Im übrigen gibt es auch Leute, die könnten in die Privaten gehen, wollen diesen Sonderstatus aber nicht. Die würden sich in Grund und Boden schämen, wenn die direkt vom Tresen weg vor dem vollen Wartezimmer gleich in ein Separé geführt werden würden um nach kurzer Zeit dranzukommen.
Ausserdem gilt, einer für Alle, Alle für einen !
November 7th, 2006 at 19:00
Nur
eineein paar Fragen seien mir erlaubt:Was würden sie sagen, wenn ihr Chef zu ihnen käme und ihnen mitteilen würde, dass sie jeweils jeden dritten Monat ohne Gehalt arbeiten sollen?
Was würden sie weiter sagen, wenn sie aber ihr Arbeitsmaterial, ihre Berufshaftpflicht, ihre eigene Krankenversicherung, ihre Büromiete und vieles mehr wie bisher aus eigener Tasche bezahlen müssten?
Was würden sie sagen, wenn sie dadurch in die Situation kämen, zu ihrer Arbeit auch noch Geld mitbringen zu müssen?
Was würden sie weiter sagen, wenn sie für die Ausbildung zu diesem Beruf mindestens 6 Jahre Studium und zusätzlich 5-6 Jahre Fachausbildung hätten hinter sich bringen müssen?
Gäbe es keine Privatpatienten, viele Praxen hätten schon schließen müssen.
Querfinanzierung nennt man das.
(Da wo ich praktiziere gibt es übrigens so gut wie keine Privatpatienten – ein Grund, warum ich schon häufig knapp vor der Pleite stand und mich über Notdienste nachts und am Wochenende “querfinanzieren” muss.)
November 7th, 2006 at 22:31
Stand der Dinge: wir suchen noch immer vergeblich einen Orthopäden, der den Fuß von Herrn A. röngt und behandelt. Auch ein hartnäckiges “Dann bleiben wir eben im Wartezimmer sitzen, bis Sie Zeit haben!” half nicht weiter, denn “Wenn es nun schon seit 2 Wochen schmerzt, dann machen ein paar Tage mehr auch nichts”. Herr A. wird also demnächst wieder einen Tag Urlaub nehmen und in die nächste Stadt fahren und es nicht so, dass im Moment in der Firma wenig zu tun wäre.
November 9th, 2006 at 17:09
Kommen Sie doch am Sonntag vorbei zum Kaffee. Wir konstruieren einen Notfall und fahren dann in die Orthopädische Klinik, Notfallaufnahme, hier um die Ecke.
November 10th, 2006 at 07:11
Danke, ist nicht mehr nötig, Herrn A. zufällig ‘nen Stein auf den Fuß zu werfen, denn er hat jetzt für Montag ‘nen Termin bekommen.
November 12th, 2006 at 14:08
Das ZDF-Magazin WISO hat untersucht, ob Privatpatienten wirklich schneller einen Termin beim Facharzt bekommen. Das Ergebnis der Studie: In Arztpraxen werden Privatpatienten früher behandelt, Kassenpatienten müssen länger auf einen Termin warten.
WISO machte Termine bei 61 Fachärzten in fünf Großstädten – als Privatpatient und als Kassenpatient. Das Ergebnis der Stichprobe: Patient ist nicht gleich Patient. Bei der Zuteilung von Terminen zeichnete sich deutlich die Zwei-Klassen-Medizin ab: Kassenpatienten erhielten im Schnitt erst nach 9,4 Tagen einen Termin, Privatpatienten schon nach durchschnittlich 3,9 Tagen. Nur in 13 von 61 Fällen hätten gesetzlich Versicherte am gleichen oder am nächsten Tag einen Termin bekommen, privat Versicherte immerhin 25-mal.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat in scharfer Form kritisiert, dass Kassenpatienten bei Fachärzten oft wochenlang auf einen Behandlungstermin warten müssen.
„Das ist ein unhaltbarer Zustand“, sagte Schmidt der „Bild“-Zeitung vom Montag. Das müsse sich ändern, denn an Fachärzten fehle es in Deutschland nicht. Schließlich erhielten Privatversicherte oft umgehend Termine. Es seien aber die gesetzlich Versicherten, die den Ärzten ihre Einnahmen sicherten.