Herr Beckmann spricht im Fernsehen mit Herrn Kurnaz
Dienstag, 17. Oktober 2006 geschrieben von SyberiaDer schwer traumatisierte Mann, der nach eigenen Angaben bisher mit niemandem über seine Foltererlebnisse reden konnte (“Meine Freunde und meine Familie wollen das nicht wissen.”) hatte sich ausgerechnet diesen arroganten Schnösel für sein erstes öffentliches Reden ausgesucht. (War der Kerl nicht mal Sportreporter? Wer zum Teufel ist auf die Idee gekommen, den Mann solche Interviews führen zu lassen?)
Beckmann schoß – in liebenswürdigem Ton – gleich zu Anfang aus vollen Rohren und fragte unter anderem leutselig, ob Herr Kurnaz es nicht leichtsinnig fände, dass er drei Wochen nach den Ereignissen vom 11. September nach Pakistan gereist sei. Herr Kurnaz, der nach jeder Frage zunächst überlegte, seine Worte bedächtig auswählte und zwischendurch immer wieder etwas Wasser trank, war ihm offenbar zu langsam, weshalb Herr Beckmann versuchte, ihn zu einem höheren Tempo anzutreiben, indem er laut auf den Tisch klopfte oder in die Hände klatschte und jungschwungdynamische Dinge wie “Jetzt aber, Herr Kurnaz! Sagen Sie doch mal…!” von sich gab.
Auf die Fragen, wie man sich denn so fühle, wenn man fünf Jahre lang jeglicher Hoffnung beraubt immer wieder an Ketten aufgehängt, mit Stromstößen traktiert, scheinexekutiert, unter Wasser gehalten, komplett von Umweltreizen isoliert, physisch und psychisch auf unfassbare Art gedemütigt, abwechselnd enormer Hitze und klirrender Kälte ausgesetzt wurde – kurzum: auf alle erdenkliche Arten gefoltert wurde – auf diese Fragen antwortete Herr Kurnaz immer wieder, er habe gedacht, er müsse nun sterben. Diese “lapidare” Antwort reichte Herrn Beckmann beileibe nicht aus, weshalb er immer wieder nachbohrte und ich konnte den Gedanken nicht unterdrücken, dass, wenn er denn so dringend wissen will, wie sich so etwas anfühlt, er sich doch schnurstracks selbst nach Guantanamo begeben möchte.

Oktober 17th, 2006 at 12:04
Habs nicht gesehen aber so bescheuert der Herr Beckmann auch fragen mag, im Grunde bedient er doch nur die voyeuristische Ader all derer, die hinter im stehen, indem sie ihn indirekt durch Zuschauen bezahlen.
Mich interessieren aus Prinzip keine Sendungen und Zeitschriftenartikel (z.B. im Stern), in denen diese Sorte Geschichten ausgetreten werden. Mir reicht ein Dreizeiler über die Geschehnisse, um mir vorstellen zu können, was in den gequälten Seelen vorgeht.
Oktober 17th, 2006 at 12:04
Ich habe das auch gesehen, Ihre persönliche Antipathie verstellt Ihnen wohl die Sicht auf die Wahrheit. Beckmann ist bester Moderator des Jahres geworden, weil er sensibel, kritisch, humorvoll, schlagfertig, intelligent und professionell ist. Er hat das schwierige Interview gestern herausragend geführt.
Oktober 17th, 2006 at 12:06
Sie haben wohl das Ironieflag vergessen, Herr Heiligkeit. Beckmann ist ein ausgemachter Dummkopf.
Oktober 17th, 2006 at 12:29
Deine Beschreibung zeigt, dass ich wohl recht hatte, als ich ganz, ganz schnell weggeschaltet hab, nachdem ich zufällig reinzappte.
Aber Frau Klugscheisser hat schon recht.
Andere Liga, aber der gleiche widerwärtige Mechanismus: lief doch am Wochenende ein Bericht, in dem ein exclusiv-Team mitleidig Frau Ermakova (?) fragte, wie es sei, wenn das Kind ständig von Reportern verfolgt wäre.
dann irds besonders fies: wenn sich der Boulevardjournalismus Mitleid heuchelnd anschleicht, um noch näher dran zu kommen.
Oktober 17th, 2006 at 14:45
Dieses pseudo-betroffene, pseudo-kumpelhaft-vertrauliche, doch eigentlich nur sensationslüsterne Geschwafel des Herrn Beckmann war schon immer zum Abgewöhnen. Zum Glück stehen meine fellow countymen and -women nicht so auf diese Art des “Infotainments”. Auch Herrn Kerner vermisse ich überhaupt nicht…… Aber es ist schon so: am Ende geben die Zuschauer diesen Laberheinis ja ihre Existenzberechtigung. Wir sollten in grauer Vorzeit diese beiden Herren übrigens mal gemeinsam in einem Spot abbilden… Ging nicht, man weigerte sich, mit dem jeweils anderen Herren in e i n e m Bild zu erscheinen…..
Oktober 17th, 2006 at 16:50
So einfach ist es nicht. Opfer sollen erzählen dürfen, was ihnen zugestoßen ist, auch wenn sie es öffentlich machen wollen. Sich so etwas anzusehen bzw. anzuhören hat auch mit politischer Meinungsbildung zu tun. Kommt halt immer auf die Art und Weise an.
Oktober 17th, 2006 at 18:54
Ich habs auch nicht gesehen, aber lassen wir doch jedem seine eigene Meinungsfreiheit, die Freiheit zu reden (dabei ist der Inhalt und die Mende im GG nicht festgelegt)
LG Anke
Oktober 17th, 2006 at 20:58
@Syberia: das sehe ich genauso. Aber ich bin der Meinung, dass es durchaus geeignetere Persönlichkeiten gibt, als die beiden besagten Herren
Oktober 18th, 2006 at 10:52
Ganz ehrlich, ich halte den Beckmann nicht für besonders Helle. Allerdings würde ich an Stelle von Herrn Kurnaz eine Einladung in eine Sendung dieser Art strickt ablehnen. Wer hat sich denn was an dieser Stelle wohl wieder gedacht? Kann doch nicht gut gehen!
Oktober 19th, 2006 at 22:14
Hallo und danke für den Beitrag – Beckmann war wieder mal wirklich grauenhaft schlecht, ganz besonders schlecht, selbst für seine Verhältnisse. Ich konnte es nach wenigen Minuten auch nicht mehr ertragen und habe weggeschaltet. Ich guck mir Beckmann manchmal an, weil es mich manchmal freut, zu sehen, wie schlecht dieser Typ wirklich ist, aber dieses Interview war wirklich der Gipfel, vor allem das Nachgebohre bei den Folterfragen.
(