Wegwerfgesellschaft
Dienstag, 25. Juli 2006 geschrieben von SyberiaBeim ersten Mal im Studentenwohnheim habe ich für PC, Drucker, Teppich und Jalousien einen Aushang am Schwarzen Brett gemacht: “Zu verschenken”. Nach drei Wochen habe ich die Sachen schließlich auf die Strasse gestellt, wo sie vom Hausmeister aufgesammelt und an einen libanesischen Studenten weiter verscherbelt wurden.
Das zweite Mal hatte ich eine Anzeige in die Zeitung gesetzt. Es kamen auch einige Leute und schauten sich den Vitrinenschrank, den Esstisch, die Stühle und eine Schlafcouch an. Zwei hätten die Sachen genommen, wenn ich sie ihnen nach Hause gebracht hätte (ein Paar meinte, vom Sozialamt bekämen sie die Sachen schließlich auch umsonst und geliefert). Ein anderer schaute sich in der Wohnung ungeniert nach Klaubarem um.
Beim dritten Mal hatte ich ebenfalls eine Anzeige in der Zeitung und erhielt nur blöde Anrufe. Ein Bekannter fuhr mit mir das Hochbett, den Kühlschrank und einen Schreibtisch zur Deponie. Bevor wir noch auf den Hof fuhren, kamen zwei Türken und fragten, ob sie die Sachen haben könnten. Sie sammelten dort Möbel und elektrische Geräte ein, um sie in ihrem Secondhand-Laden weiter zu verkaufen.
Beim vierten Mal habe ich diverse Sachen erfolgreich bei ebay versteigert, einen Kratzbaum beim Tierheim abgeliefert und den Rest an die Strasse gestellt. Es waren keine Dinge dabei, die nicht mehr funktionstüchtig gewesen wären oder abgenutzt aussahen, die hatten wir vorher aussortiert.
Vergangene Woche haben wir das Rote Kreuz angerufen, die Diakonie, diverse Kirchengemeinden, eine Arbeitsloseninitiative und verschiedene andere Anlaufstellen. Die Zuständigen sind entweder im Urlaub oder nicht interessiert. Da die Wohnung bis Ende des Monats geräumt sein muss, haben wir gestern einen Entrümpler beauftragt. Der nimmt 400 Euro dafür, dass er die Sachen auf die Mülldeponie bringt. Unter anderem einen großen, modernen Kleiderschrank, der keine zwei Jahre alt ist.

Juli 25th, 2006 at 08:56
Was lernen wir daraus? Wenn es nichts kostet, dann ist es nichts wert. Nächstesmal lso alles völlig überteuert anbieten. Und sich dann langsam runterhandeln lassen. Ist seltsam, ist aber so.
Juli 25th, 2006 at 08:56
Ich kaufe noch ein “a” für “also”
Juli 25th, 2006 at 09:01
Kommt mir bekannt vor…
… was da das Hackblog zum Thema “Wegwerfgesellschaft” schreibt. Einerseits “Geiz ist geil” schreien, andererseits Dinge in durchaus gutem Zustand nicht geschenkt haben wollen. Und so landen alte Truhen oder halbe Bibliotheken auf dem Wertstoffhof…
Juli 25th, 2006 at 09:27
Ach, da spielt doch sicher auch bissel Enttäuschung rein, dass andere Leute die Sachen verschmähen, an denen das eigene Herz hängt. Denn mal ehrlich: Wieviel geschenkte Sperrmüllware steht denn in Ihrer Wohnung?
Juli 25th, 2006 at 09:43
@Pathologe: Kann ich nur bestätigen. Leider reichte diesmal die Zeit dafür nicht.
@Herr ichichich: Wie erwähnt, der Sperrmüll wurde jeweils vorher aussortiert. Meine erste Wohnung bestand komplett aus Geschenktem und preiswert erstandenen Flohmarktmöbeln (mer hatte ja damals nix!) und auch heute hege und pflege ich Aussortiertes. Drei Beispiele: unser wunderschöner Geschirrschrank stammt aus der Wohnungauflösung der Oma einer Freundin. Wollte niemand haben, bis ich ihn abgeschleift und frisch gebeizt hatte. Nun bewundert ihn jeder, der unsere Wohnung betritt. Im Flur hängt ein Bild, das ebenfalls “weg sollte” und einem ehemaligen Nachbarn gehörte und im Wohnzimmer steht ein kleiner Rabe aus Bronze, den bekam ich von einem iranischen Arzt geschenkt, der seine Praxis auflöste.
Juli 25th, 2006 at 10:06
Es gibt breite Bevölkerungsteile, die nichts vom Wert des Alten und dem Charme des Gebrauchten wissen. Mich befremdet das auch immer wieder, wenn Jugendliche ihre erste eigene Wohnung ganz neu einrichten wollen. So hätte ich damals gar nicht wohnen wollen. Tja, so ist das.
Juli 25th, 2006 at 10:30
In einem anderen Blog las ich mal, dass der Autor mehrere Tage einen Kühlschrank zum Verschenken auf die Straße stellte, aber ihn niemand mitnahm. Als er dann aber ein Schild “Zu verkaufen! 50$!” dranhängte, ist er über Nacht verschwunden.
Juli 25th, 2006 at 10:55
Charme is aber nix, was dem Gebrauchten per se innewohnt, Monsieur Klabauter.
Juli 25th, 2006 at 11:31
Wert des alten pipapo, was mich RICHTIG aufregt ist, daß es selbst die Leute die es nötig hätten nicht bekommen. Um mal die Hintergründe zu erklären – es geht um die Wohnung meiner Großmutter, die aufgelöst werden soll. Meine Großmutter hat nie im Luxus gelebt, weil sie lebtag für ihre Kinder gearbeitet hat und dann ihre letzten Jahre mit einer miesen kleinen Rente in einer winzigen Einzimmerwohnung leben musste.
Jetzt ist sie tot. Und ich dachte, damit es vielleicht irgendjemand anderem, dem es vielleicht NOCH dreckiger geht (obwohl man sich dafür schon mächtig ins Zeug legen müsste), noch was hilft, spende ich die Wohnungseinrichtung, die größtenteils noch in einwandfreiem Zustand ist. Da ist ein Bett, ne Couch, ein Kleiderschrank, komplette Geschirr- und Topfsammlungen. Damit hätte jemand, der nix hat, sicherlich seine Wohnung zumindest soweit einrichten können, daß sie wohnbar wird… aber nix ist.
Die Diakonie nimmt zwar den Kram, hat aber bis zum Ende des Monats Urlaub und währenddessen fühlt sich scheinbar niemand zuständig, jedenfalls nicht nach zweimaligem Anruf. Und sorry, ich kann nunmal keinen Kleiderschrank und keine Couch mit unserem Kleinwagen dahin fahren. Bei den Kirchengemeinden gibt es überhaupt niemand, der sich dafür interessiert – scheinbar beten arme Menschen nicht. Beim roten Kreuz geht keiner ans Telefon (zu keiner Uhrzeit, an keinem Tag).
Und selbst der Entrümpler den ich jetzt beauftragt habe, der ein Ladengeschäft für Möbel besitzt, meinte er würde wohl den meisten Kram einfach kaputt-treten und auf den Sperrmüll fahren, weil ihr Laden ja eher antiquarische Sachen verkauft und nicht neue und völlig einwandfreie Möbel.
Ich kann überhaupt nicht soviel fressen wie ich kotzen möchte.
Juli 25th, 2006 at 14:21
@mein arsch: kann ich gut verstehen, wir hatten gerade ein ähnliches Problem mit den Möbeln meiner Oma. Fast gewinnt man den Eindruck, man muss Leuten, die jammern, weil sie nix haben, noch was zahlen, damit sie unter Umständen bereit sind, bestens gepflegte Wohnzimmermöbel (für umsonst) selbst abzuholen.
Juli 25th, 2006 at 14:59
@henriette: man muss den Leuten nicht nur was zahlen, sondern die Möbel auch noch hinbringen und aufbauen. Einmal wöchentlich danach zum Putzen kommen und noch etwas Geld da lassen wäre auch nicht schlecht…
Juli 25th, 2006 at 15:31
Herr Pathologe, vielen Dank für die Aufklärung! Ich Dussel, jetzt verstehe ich erst, warum die Leute so herumgenölt haben. Die Anzeige muss also lauten: Zuhause gesucht: Wir suchen für bestens erhaltene Wohnzimmermöbel (4 Jahre alt) dringenst einen neuen Platz. Selbstverständlich übernehmen wir die Anlieferung, den Aufbau, Kosten für eine wöchendliche Putzhilfe und die möglicherweise notwendige Erhöhung der Hausratsversicherungsprämie. Für eventuell in Zukunft auftretende Schäden steht unsere Reparatur-Hotline rund um die Uhr zur Verfügung….
Juli 25th, 2006 at 15:42
kann ich den Kleiderschrank noch haben? ernst gemeinte frage
Juli 25th, 2006 at 16:33
Herr Schmerles, Sie könne den gerne bis Mittwoch abend abholen (Raum Frankfurt).
Juli 25th, 2006 at 16:51
Also ich habe noch einen 32 (oder 30?) Zoll Revox Design TV (umgebauter Loewe, schwarz, mit Holz, Alu, Kontrastscheibe) 4:3 mit einem leichten Defekt. Der Ton brumt. Das läßt sich mit einer Reparatur für unter 100 EUR bestimmt beheben.
Der TV ist sonst OK, ist ca. 13 Jahre alt, wurde mal mit einem analogen Satellitenreciever nachgerüstet und hat eine fast neue Fernbedienung (1 Jahr benutzt)
Ich verschenke das Teil gegen Abholung.
Eigentlich sollte der alte TV bei der Lieferung des neuen TV vom Händler kostenlos mitgenommen und entsorgt werden. Aber ein Kumpel (Herr I) wollte den unbedingt haben. Das ist nun ca. 2 Jahre her und Herr I ward nicht mehr gesehen.
Also wer es haben möchte, mailt mir einfach.
Juli 25th, 2006 at 16:51
Ah, vergessen: Abholung im Raum Stuttgart
Juli 25th, 2006 at 17:00
Den Inhalt meiner letzten Wohnung in Tirol haben die da gratis gegen Abholung bekommen. Die waren total happy über den guten Zustand und haben sich mehrmals bedankt.
In Wien habe ich sowas ähnliches nicht entdeckt und da es mir zu mühsam war, die Möbel vom 4. Stock runter auf die Straße zu schleppen und darauf zu warten, dass sich jemand ihrer annimmt, habe ich die Dinger ohne große Erwartungen bei €-bay eingestellt. 37 Euro später war alles weg – und besonders gefreut habe ich mich über die 3 Euro Trinkgeld, weil ich die eine Kommode netterweise vorher schon zerlegt hatte…
Deckt sich mit ihrer Erfahrung #4. Warum also nicht anwenden beim aktuellen Problem und den Erlös spenden zwecks sozialem Gewissen?
Juli 26th, 2006 at 07:49
ja, es geht den Leuten noch zu gut hier denkt man. Ich versteh das gut, ähnliche Erfahrungen haben wir auch schon gemacht. Ärgerlich ist, dass man vielleicht die Sachen jemanden Spenden würde, der sie gut gebrauchen kann, aber das klappt nicht, also findet sich jemand, der damit Geschäfte macht. Und das will man nicht verstehen: warum lassen sich Sachen verkaufen, die niemand geschenkt haben möchte?
Haben Sie mal das Städtische Sozialamt probiert?
Juli 26th, 2006 at 09:15
@diestimme: weil dafür nicht die zeit reicht. weil eben die gesetzgebung lautet, daß die erben auch den mietvertrag erben. und weil meine mutter, die ebenfalls kaum kohle hat, nunmal möglichst nicht drei monate lang zwei wohnungen bezahlen soll. deswegen muss die wohnung so schnell wie möglich leer werden, damit ein nachmieter so schnell wie möglich einziehen kann. und das heißt “am besten gestern”.
@mariong: es würde mich überhaupt nicht stören, wenn jemand noch was an den möbeln verdienen will. da sie ja niemand geschenkt haben wollte, more power to them. aber daß dann selbst von einer firma, die ein ladengeschäft hat, gesagt wird “Nö, wir machen das eher kaputt und schmeissens auf die halde”, das kotzt mich an. Und ja, ich habe beim sozialamt angerufen, da fühlt sich auch niemand zuständig, schon gar nicht so kurzfristig.
Juli 26th, 2006 at 09:54
Ja, das ist einfach unbegreiflich, und es wäre natürlich gelegen gekommen, wenn man noch so eine halbe Monatsmiete für die Möbel bekommen hätte.
Mein herzliches Beileid, so unbekannterweise. Das anstrengende ist ja immer, das man sich nicht “der Trauer widmen” kann, sondern sich mit so Zeugs herumärgern muss, Behörden, Erledigungen und dabei meist so frustrierende Erlebnisse sammelt. Damals hatte ich meiner Mutter auch geholfen, sie war nicht imstande, die Wohnung ihres Vaters auszuräumen. Es war alles viel zu schmerzlich. Für mich auch, aber es ist dann gut, wenn man jemand mit etwas mehr Abstand hat.
Halten Sie durch.
Zorn ist eine gute Emotion habe ich gelernt.
Juli 26th, 2006 at 13:38
Ihr Hauptproblem ist der Zeitdruck. Ansonsten bekommt man so ziemlich alles weg. Als meine Freundin zu mir zog, habe ich vieles über ebay verkauft, auch Sachen, die sie eigentlich wegwerfen wollte. Möbel gingen über den Flohmarkt im Intranet meiner damaligen Firma weg, und verschenkt haben wir auch was, aber nur im engeren Bekanntenkreis. Sachen, die wir zum Recyclinghof fuhren, wurden grossteils von den dort lauernden Ostvölkern in Empfang genommen. Was mich RICHTIG geärgert hat: Wenn man in der Stadt Fürth die Sperrmüllabholung beauftragt, bekommt man erst in SIEBEN Wochen einen Termin – da mussten wir uns einen Kleinbus organisieren und den Kram selber wegbringen.
Achja: Vielleicht ist es bei Ihnen jetzt zu knapp, aber haben Sie es schon mit einem Verschenknetzwerk (www.freecycle.org) probiert?
Juli 27th, 2006 at 15:18
Was das Rote Kreuz angeht…
Das Rote Kreuz scheint nur über Internet erreichbar zu sein, nur so als Tipp.
Hab 2 Tage lang wie ein Irrer zu jeder Uhrzeit angerufen, um mich zu erkundigen, welche Zivildienstplätze noch zu vergeben sind. Keiner ging ran. Als ich dann eine Email mit Telefonnummer an den Laden verschickt habe, kam prompt eine Minute später der Anruf und damit die ersehnten Informationen.
Schlussfolgerung: Die Telefone beim Roten Kreuz sind auf lautlos gestellt…
Juli 27th, 2006 at 17:10
Tja, zu spät.