Lieber Christian,
Samstag, 10. Juni 2006 geschrieben von Syberiadiesen Brief wirst du nicht lesen. Ich schreibe ihn an dich für mich. Ich weiss, du liegst nicht hier unten. Ich stelle mir nicht genau vor, wo und wie du jetzt bist, aber ich weiss, du bist. Irgendwo, irgendwie. Ich glaube nicht daran, ich weiss es.
Was wäre wenn. Was wäre, wenn du am Steuer gesessen hättest und nicht deine Schwester, die erst seit wenigen Wochen ihren Führerschein hatte? Was wäre, wenn ihr nicht hättet tanken müssen? Was wäre, wenn die Lichtmaschine des Wagens nicht ausgefallen wäre? Wäre der LKW dann eine halbe Stunde vor euch dort vorbeigefahren? Was wäre, wenn ihr nicht in einem verdammten Mistdrecksauto aus Pappe gesessen hättet, das sofort Feuer fing? Was wäre, wenn der LKW-Fahrer nicht die Flucht ergriffen, sondern euch geholfen hätte, aus dem Auto zu entkommen?
Drei Menschen in einem brennenden Auto und er fährt davon. Ein anderer Fahrer, der ihn verfolgt und anzuhalten versucht, doch er fährt davon.
Ich habe deinen Vater zur Polizei begleitet und ich habe die Akte gesehen, die Fotos, die maschinengetippten Aussagen der Zeugen. Sie haben die Grenze sperren lassen und jeden LKW angehalten, der auf dieser Strecke fuhr. Ohne Erfolg.
Irgendwo sitzt dieser Mensch heute und schaut vielleicht die Fußballweltmeisterschaft im Fernsehen. Ist er froh, dass er nie erwischt wurde? Oder wünscht er sich manchmal, sie hätten ihn gekriegt? Lebt er gut mit dem, was passiert ist oder lebt er schlecht damit? Hat er jemandem davon erzählt oder wird er darüber schweigen, solange er lebt? Gäbe es dich noch ohne diesen Unfall? Oder war deine Zeit gekommen und du wärst auf eine andere Weise gegangen?
Christian. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke. Du warst mein Bruder. Mein Blutsbruder. Mein Seelenverwandter. In manchen Jahren haben wir uns nur einmal gesehen, doch wir waren einander sofort vertraut, als hätten wir uns erst wenige Stunden zuvor getrennt.
Deine Briefe dazwischen. Deine schönen Briefe. Ich habe sie alle aufgehoben. Meine Briefe, die du aufgehoben hast, habe ich deiner Mutter geschenkt. Sie wollte meine Erlaubnis, um sie zu lesen. Ich habe sie ihr gegeben, als wir in einem Konsummarkt die Getränke für die Trauerfeier gekauft haben.
Jener heisse Sommer, als es nichts zu trinken gab und wir alle Läden um Berlin herum abgeklappert haben mit unseren Fährrädern. Der Teich, in dem wir nachts schwimmen gingen, bis uns russische Soldaten von dort vertrieben. Ich habe ein Filmgedächtnis. Ich kann viele Erlebnisse, auch solche, die lange zurückliegen, aus meinem Gedächtnis hervorholen und mir ansehen wie einen Film. Ich sehe alles vor mir, wie du aussahst, wie deine Stimme klang, dein Lachen, wie dein Gesicht aussah. Fast jeden Tag sehe ich mir einen Film mit dir an.
Weisst du noch. Weisst du noch die Sommer, die wir auf der Terrasse deiner Eltern verbrachten? Mit Feuereifer diskutierten wir die wichtigen Themen und philosophischen Fragen des Lebens und rissen manchmal die Erwachsenen mit. Weisst du noch, die Nächte, die wir durch erzählten, bis es draussen hell wurde und wir mitten im Satz einschliefen? Weisst du noch, als wir uns das erste Mal verliebten und uns davon erzählten? Weisst du noch die Ratschläge, die wir uns gaben?
Zweimal warst du gemein zu mir. Einmal, weil du etwas falsch verstanden hattest, das ich sagte und einmal unabsichtlich. Zweimal in einundzwanzig Jahren. Das ist wenig, das ist fast nichts. Du warst auch zu anderen nie gemein oder unfreundlich. Wie hast du das gemacht? Ich hätte das gern gekonnt. Du warst lieb zu mir, als es sonst kaum jemand war, als ich Pickel hatte und eine Zahnspange trug und mich ständig hinter meinem Haarvorhang versteckte.
Weisst du noch, das letzte Mal, als du mich zum Bahnhof brachtest in Berlin? Du hast die Faust gegen die Mauer geschüttelt und sie verflucht, bei offenem Autofenster, auf dem Gehsteig drehten Volkspolizisten ihre Köpfe nach uns. Du warst wie dein Vater, Du kanntest keine Angst.
Eurer großes Haus mit all den Zimmern, Nischen und abenteuerlichen Ecken. Weisst du noch, als Rainer sich in einem der Flurschränke versteckt hatte und seine Hand, die in einem schwarzen Lederhandschuh steckte, langsam aus der Tür streckte und nach uns griff? Weisst du noch, als ich dir meine Gedichte zeigte und du mir die Lieder vorspieltest, die du komponiert hattest? Weisst du noch, als der Junge aus deiner Klasse dich besuchte, dessen Vater bei der Stasi war, wie alle wussten und mit dem deshalb niemand außer dir geredet hat?
Bei uns warst du nie. Du hast nie in meinem Zimmer gestanden, nie mein Bücherregal durchforstet, nie meine Freunde kennen gelernt. Euer Land ließ euch nicht. Und als sie die Grenze geöffnet haben und du hinaus konntest und dein erster Besuch uns galt – da bist du gestorben in dem brennenden Auto.
Ich vermisse dich so.
In Liebe,
…
