Schickt die Super-Nanny in den Irak!

Samstag, 25. Februar 2006 geschrieben von Syberia

“Würde jemand vorschlagen, Kannibalen und Vegetarier, Brandstifter und Feuerwehrleute, Drogendealer und Junkies sollten in einen Dialog miteinander eintreten, würde man ihm zur Ernüchterung kalte Fußbäder verordnen. Aber in einer Situation, da die eine Seite “ohnmächtig” agierte und die andere vor Angst ohnmächtig wurde, war jeder Vorschlag, der die “Eskalation der Gewalt” dämpfen sollte, willkommen. Nur: Was taugt ein “Dialog”, der als eine Art von Notbremse dienen soll, nachdem die eine Seite erkannt hat, dass sie von der anderen an die Wand gedrückt wird?

(…)

Wie sollen “wir” die kulturelle Identität der islamischen Länder mehr achten? Indem wir das schöne Ritual des freitagnachmittäglichen Handabhackens auch bei uns einführen? Indem wir unsere Frauen zuerst genital verstümmeln und dann unter Burkas und Tschadors verstecken? Indem wir Homosexuelle öffentlich hängen und Ehebrecherinnen steinigen?

Und auf welche Provokationen sollten wir verzichten, um keine Gefühle von Erniedrigung und Demütigung hervorzurufen? Sollen wir eine Liste der Themen aufstellen, die unsere Karikaturisten nicht behandeln dürfen? Sollen wir den Christopher Street Day abschaffen und auf den Genuß von Eisbein verzichten? Soll Sasha Waltz ihre Tänzer nicht mehr nackt auftreten lassen? Sollen wir uns jeden Hinweis darauf verkneifen, wie wenige Bücher in Saudi-Arabien verlegt und übersetzt werden? Sollen wir auch bei uns die Fatwa einführen und sie gegen Gotteslästerer anwenden? Sollen wir die Werke von Voltaire, Freud und Rushdie verbieten? Wie soll die “Partnerschaft auf gleicher Augenhöhe”, die H.E. Richter fordert, im Alltag funktionieren? Indem wir in die Knie gehen? Sogar die Super-Nanny von RTL weiß, dass man störrischen Kindern Grenzen setzen muss und ihnen nicht nachgeben darf, wenn man sie nicht vollends korrumpieren will.”

von Henryk Broder

3 Antworten to “Schickt die Super-Nanny in den Irak!”

  1. haekel Says:

    Man sieht immer zuerst den Dorn im Auge des anderen, bevor man den Balken im eigenen bemerkt. Aber selbst, wenn das Gegenüber einen Balken im Auge trägt, sollte der Dorn im eigenen nicht unbemerkt bleiben.

    Dem Opfer eines vegetarischen Mörders wäre es kein Trost, dass er nicht gegessen würde, und Brandstifter erweisen sich leider recht häufig als Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr.

    Was freitagnachmittägliche Rituale angeht, so hätte der Westen im Austausch das Erniedrigen nackter Gefangener zu bieten und die genitale Verstümmelung ist auch in Herrn Broders Religion nicht unbeliebt – zwar nur auf Männer bezogen, aber der Grundgedanke, dass der gottgeschaffene Körper erst durch Schnippeleien gottgefällig wird, ist derselbe.

    Soll man Schwule und Ehebrecher töten? Die Bibel meint, ja! Und diejenigen fanatischen Katholiken und Evangelikalen, die dies gerne in Gesetze gegossen sähen, wollen damit gewiss nicht “die kulturelle Identität der islamischen Länder mehr achten”, sondern ihre eigene christliche Identität.

    Ein Foto gehängter Homosexueller wurde von der westlichen Bildzeitung unlängst ausdrücklich goutiert und keineswegs kritisiert (siehe Bildblog). Was wohl eine Leserumfrage zu diesem Thema erbrächte?

    Und wie oft hört man in unserer aufgeklärten westlichen Geselllschaft die Forderung “Schwanz ab für Kinderschänder”, die nur eine Variante von “Hand ab für Diebe” ist?

    Ob “wir” den Christopher Street Day u.ä. abschaffen sollten, müsste man nicht nur “die Muslime” fragen, sondern auch “die Badenwürttemberger”, man wäre gewiss erfreut über die kulturenverbindende Einigkeit.

    Die Super-Nanny weiß sicher, dass man seinen Kindern nicht das Rauchen verbieten kann, solange man selber heimlich am Quarzen ist.

  2. stapel Says:

    Ja, Herr/Frau Haekel, ziemlich richtig. Eine kleine Anmerkung hätt’ ich noch: meines Wissens gibt es unter “den Badenwürttembergern” keine aus der sog. “Mehrheitskultur” heraus entstandene Mörderbande, die Teilnehmer am CSD mit dem Tod bedroht und das auch praktiziert. Aber darum geht es: nicht darum den CSD gut zu finden, sondern ihn zu tolerieren.

  3. Knut Says:

    Wo ist Bumm-Bumm Schröder wenn man ihn braucht?