Alptraum Altenpflege:

Donnerstag, 22. September 2005 geschrieben von Syberia

Der Frühdienst war nicht fertig geworden, und wir sollten im Eiltempo noch zehn Becher Pudding eingeben. Sie waren aber noch zu heiß. Ich bin dann zurück ins Stationszimmer, hab gemeldet, ich warte lieber noch. Da ist die Stationsleiterin wütend sofort ins nächste Zimmer, zur Bewohnerin hin, hat ihr die Nase zugehalten, den Kopf zurückgelegt und den Pudding zwangseingeführt.

… sich zu wehren, ist unter Umständen nicht ungefährlich. Ich will nur ein Beispiel aus Köln nennen. Eine 72-jährige Lehrerin, die sich oft beschwerte, saß immer ganz provokant, wie das Personal meinte, im Aufenthaltsraum und führte Tagebuch. Wir dachten: Da trägt sie jetzt ein, was hier schief läuft. Das hat die Heimleitung sich zwei, drei Tage gefallen lassen, dann wurde beschlossen, bei dieser Frau die Dosierung der Beruhigungsmittel nach und nach zu erhöhen.

(via pepa )

13 Antworten to “Alptraum Altenpflege:”

  1. the thilo Says:

    Das Schlimme ist: Ich glaube, dass das wahr ist.

  2. Nilsen Says:

    Ich arbeite als Abiturient auch im Altenheim und muss euch leider sagen: Es IST wahr!
    Und noch viel schlimmer.

    1) Verwirrte alte Menschen, die ich zufällig mit meiner Freundin nach der Arbeit dort entdeckt habe, können einfach rausgehen und auf der nächsten Hauptstrassenkreuzung bleiben die stehen

    2) Sämtliche 32 Schokopuddings zum Nachtisch hatten vor 3 Wochen eine Schimmelschicht oben drauf, es waren vor einer Woche daumengroße Klarsichtfolien-Schnipsel in mehreren Desserts die man so gar nicht sehen konnte wenn man nicht zufällig ganz nahe mit dem Gesicht heranging ( Die hälfte der Bewohner futtert das Essen selber und würde sowas nie merken! ergo Schimmel und Klarsichtfolie genüsslich schlucken ) Ist auch keiner Schwester aufgefallen!

    3)Die Bewohner liegen (ungelogen) locker mal 5 Stunden in ihren eigenen Exkrementen und ich musste schon mehrmals auf diese Kabelfernbedinung mit dem roten Knopf drücken die da über den Betten in Griffweite er Leute liegen, da sich die Leute beim Essen verschluckt haben und keine Luft mehr bekamen. Ich hab dann selber mit bloßen Fingern in deren Mund rumgefummelt weil erst nach 15 !!!!!!! Minuten eine Schwester kam.

    4)Die Leute haben am ganzen Körper blaue Flecken und Wunden da die Schwestern beim umbetten oft viel zu hastig und grob mit ihnen umgehen so das die Pergamenthaut reisst. So liegt eine Dame die nicht auf dem Rücken liegen kann immer mit ihren Gesicht auf dem Holzrahmen des Bettes ( die Begrenzungen am Rand ) weil es die Schwestern nicht gebacken bekommen ihr das Kissen einfach mal über diesen Rahmen zu legen. Und das obwohl ich es den Schwestern schon tausend mal gesagt habe.

    Abschliessend vieleicht noch folgener Dialog zwischen der Schwester und mir gestern abend.

    Ich: “Erika, die Frau XXX hatte ihre Medizin nicht genommen. Die steht noch auf dem Tablett.”

    ( Frau XXX war mittlerweile 5 Meter nebenan im Bad und wurde von einer weiteren Schwester gewaschen )

    Erika: “Hm, gieß sie weg!”

    Ach ja…das erste was man macht wenn man da anfängt zu Arbeiten ist eine Erklärung zur absoluten Schweigepflicht zu unterschreiben.

    gruss Nilsen

  3. Syberia Says:

    Grosser Gott. Mein Vater war bereits in unterschiedlichen Heimen zur Kurzzeitpflege, wir haben uns alle Heime vorher angesehen und mit einigen Bewohnern und Schwester dort gesprochen – und zum Glück sind uns solche Zustände nie untergekommen.

    Können Sie die nicht anonym anzeigen? Die Schweigepflicht darf doch nicht auf unterlassene Hilfeleistung hinaus laufen?

  4. pathologe Says:

    Eine Kraehe hackt der anderen kein Auge aus.

    Meine Grossmutter wurde mit Oberschenkelhalsbruch im Dezember 03 eingeliefert, operiert. Nach 2 Tagen war sie wieder ok, lediglich das Laufen ging nicht. Aber geistig topfit. Im selben Zimmer lag eine Patientin, die unkontrolliert schrie. Meine Oma hat sich mehrfach beschwert. Und eines Tages war meine Oma nicht mehr ansprechbar. Sie hat es dann auch nicht mehr lange durchgehalten, im Januar 04 war die Beerdigung.

    Ein Nachweis der Ueberdosierung von Beruhigungsmitteln wurde nicht durchgefuehrt, man schob es auf Spaetfolgen der Operation zurueck. Nur, wie gesagt, zwei Tage nach der Operation konnte man sich mit ihr ueber alle Themen in vollkommener geistiger Klarheit unterhalten.

  5. Syberia Says:

    Erschreckend, dass jeder Beispiele aus dem eigenen Umfeld nennen kann…

  6. Nilsen Says:

    Meinst die werden einem 18. jährigen Schüler und seiner Freundin glauben schenken und wirklich was machen? Wir verlieren unseren Schülerjob, die Sachen werden auf andere geschoben, als Ausnahmen ausgegeben oder schlichtweg geleugnet. Am System wird sich nichts ändern. :/

  7. Nilsen Says:

    Was mir noch einfällt. So Tagespflege ist kein Problem. Wo die Leute morgens abgeholt werden und nachmittags wieder nach Hause gefahren werden. Das wird auch größtenteil von Zivildienstleistenden gemacht.

    Die wirklich schlimmen Sachen fangen an sobald die Leute nicht mehr als normale Menschen angesehen werden. Also sobald man die Nacht dort verbringen muss und quasi dort lebt.

    Gestern war meine Freundin nicht da, sodass ich das Essen alleine reichen musste. Zur Hilfe stand mir dann eine Schwester die auch bei 2 Leuten das Essen gegeben hatt. Dort hab ich auch mitbekommen das sie es der Dame einfach nur reinschaufelt obwohl diese weint und schreit! Das dies zum Teil auf Überempfindlichkeit und geistige Verwirrung zurückführen kann mag zwar stimmen aber das ist doch trotzdem keine Methode oder?
    Selbst der letzte Funken an Individualität/Selbstbestimmung wird dir genommen… Der Tee brühend heiss? Das Essen ungeniessbar ( zB. noch rohe Bratkartoffeln) ? Keinen Hunger/Durst? Who cares????

    Und wenn wir dann ein wenig auf die Leute eingehen. Und den kochenden Tee mit Wasser verdünnen oder den Leuten das Kissen richtig ziehen dann kommt direkt Stress mit der Schwester. Obwohl ich meine 5€ für eine Stunde Arbeitszeit bekomme wird von mir erwartet das ich min.4 Leute schaffe. Ergo 10 min. für jeden, wenn man mal Sachen wie Bett hochziehen, Tablett heranschaffen, Lätzchen ummachen usw. abrechnet.

    Schonmal 4 Brote, 400ml Milchsuppe, 200ml Pudding, 400ml Tee, + 1 passiertes Gemüse in 10 Minuten gegessen? OHNE Zähne?? Die Schwestern denken nichtmal dran sich darum zu kümmern das die Leute die Zähne drinhaben.

  8. pathologe Says:

    Geiz ist eben geil.

    Die Diskrepanz zwischen den Kosten fuer einen Heimaufenthalt und der dann dort geleisteten Arbeit bzw. der Entlohnung der dort Arbeitenden ist schon eklatant. Und das Sozialsystem wird weiter ausgehoehlt.

    Nicht mehr lange, und die ersten Alten werden auf der Strasse zum Sterben abgelegt…

  9. ntropie Says:

    Kann Nilsen leider in allem zustimmen. War jahrelang im Rettungsdienst und immer sehr sehr froh, so schnell wie möglich aus solchen Heimen wieder herauszukommen. Jeder Verkehrsunfall oder Selbstmord war mir lieber. Und nicht nur die Lebenden, auch die Toten werden misshandelt, weil man Herztote je nach Situation wegen des Alibis ewig mit Wiederbelebung schändet (schon mal knackende Rippen bei 93jährigen gehört?), anstatt sie einfach in Ruhe und Würde sterben zu lassen.

    Muss man auch nicht schön verdeckt ein Jahr lang Buchmaterial sammeln, sondern nur mal die Augen aufmachen.

  10. Klabauter Says:

    Meine Oma war auch in einer “Seniorenresidenz” untergebracht. Bösartigkeit seitens des Pflegepersonals konnten wir nicht beobachten, aber Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit. Und das liegt m.E. an der Politik des Hauses: Altenpflege ist eine relativ geringwertige Ausbildung. Wenn die Leute nach der Ausbildung nichts mehr lernen und nur noch gescheucht werden, dann reicht der eigene Grips häufig nicht, um noch verantwortungsvoll zu pflegen. Qualität muss schon gewollt sein, dann kann man sie auch erreichen. Leider ist der Kostendruck im sozialen Bereich ganz enorm…

  11. Daniel Says:

    Sorry, aber das alles geht nur wenn sich die Angehörigen AUCH nicht vernünftig um die “Alten” kümmern. Ich weise auf den letzten Satz des Autors in dem Interview hin der wie folgt lautet:
    “Und ich halte es für äußerst wichtig, sich als Angehöriger die ersten 14 Tage Urlaub zu nehmen und jeden Tag da zu sein, zur Kontrolle.”Und da liegt da Hauptproblem, der Deutsche im allgemeinen ist froh “datt Omma wech is” und fährt 14 Tage auf Urlaub, aber nicht ins Altenheim da schaut man dann alle 8 Wochen, Sonntag von 16:00 – 18:00 Uhr vorbei und ich vermute dann sind die “Heime” (kann man von “Heim” sprechen?) auf vordermann gebracht worden, oder Nilsen?

  12. nobody Says:

    Daniel, sorry aber das ist Quatsch. Mag ja sein, dass einige so handeln. 14 Tage Urlaub schüttelt man sich aber auch nicht eben aus dem Ärmel. Außerdem “darf” man ja fast davon ausgehen eine Heim “Niete” gezogen zu haben – schon wären es 28 Tage Urlaub.
    Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach nicht “die frohe Familie die in den Urlaub fährt wenn Oma weg ist”, sondern die heutige Gesellschaft im Allgemeinen. Die Familien haben häufig wirklich nicht die Zeit/Geld die Verwandten häufig genug zu besuchen, die Heime haben zu wenig Pfleger, aus welchen Gründen auch immer. Zumindest ist das meine Erfahrung.

  13. nobody Says:

    Was natürlich nicht die beschriebenen Umstände entschuldigen soll. Die sind grausam…