Weißkittel II
Dienstag, 26. Juli 2005 geschrieben von SyberiaGestern den Tag mit meiner Mutter in der Krebsklinik verbracht. Professor Dr. Dr. xxxxx mag fachlich die Koryphäe sein, sozialkompetent ist er nicht. Kein “Guten Tag”, kein “Auf Wiedersehen”, er rauscht ins Zimmer, lässt sich die Daten von seinen Assistenzärzten herunterrattern, unterhält sich dann mit denen über den Fall, als wäre sonst niemand anwesend. Dabei spricht er schnell und leise, er hat keine Zeit, der nächste Fall rollt auf dem Fließband heran.
Auf zaghafte Fragen meiner Mutter wird mit Abkürzungen und Fremdworten reagiert und als ich dann nachhake (“Bitte erklären Sie es uns doch so, als wären wir fünf Jahre alt…”) werden wir abgewimmelt (“Ich sage Ihnen da später was zu.”). Später ist nie, denn die Visite des Professors ist der Abschlusspunkt der Untersuchungen. Telefonisch wird der Mann besser abgeschirmt als der US-Präsident.
Einer älteren Dame, die sich an ihre Handtsche klammernd auf dem Flur steht, erklärt er sachlich “Sie kriegen kein Rezept für eine neue Brille mehr, sie können doch sowieso bald überhaupt nichts mehr sehen.”
Inzwischen wissen wir, dass wir es uns zeitlich leisten können, in der Mittagspause in der Kantine einen Salat essen zu gehen und haben Thermosflaschen, Lesestoff und Kissen dabei, denn acht bis neun Stunden müssen abgesessen werden. (Die Leute, die zum ersten Mal da sind, erkennt man am Herumirren mit knurrendem Magen durch die verschiedenen Gänge und Etagen, noch ganz benommen von der Diagnose.)
Nun denke ich darüber nach, wie sich dieses System menschlicher gestalten liesse. Freiwillige Helfer etwa, die die Patienten von einem Untersuchungsraum zum nächsten begleiten, deren Ohren und Arme da sind für die, die allein sind, wenn sie vom Arzt den Namen der fürchterlichen Krankheit mitgeteilt bekommen, das Abonnement verschiedener Zeitschriften (auch in Blindenschrift), kostenlos Tee, Kaffee und Wasser, der Ausleih von Hörkassetten, Bilder an den Wänden statt der Zettel und “Infoblätter”, wenigstens ein paar bequeme Sofas statt der uralten Metallstühle – vielleicht sollte ich einen Verein gründen, der Spenden sammelt und die Sache in die Hand nimmt. Erst dort, dann in anderen Kliniken.

Juli 26th, 2005 at 16:43
Ich glaube, man muß unterscheiden zwischen logistischen Helferleins und Mitfühl-Ansprechstationen – erstere Funktion hat in dem Spital, in dem ich vor 80 Mio. Jahren Zivi war, eine Truppe von Rentnern gerne wahrgenommen, die sonst wohl keine Aufgabe mehr zu erfüllen hatten und froh darüber waren, gebraucht zu werden. Als Gesprächspartner für jemand zu fungieren, der vielleicht gerade die Diagnose einer unheilbaren Krankheit erhalten hat, geht mE. über eine Ehrenamtlichkeit aber weit hinaus zugunsten von Profis.
Juli 27th, 2005 at 10:01
Für jemand, der mal eben halbtags im Krankenhaus aushilft, ist es beim besten Willen nicht verkraftbar, regelmäßig zur Krisenintervention eingesetzt zu werden – damit wäre keiner der beiden beteiligten Seiten geholfen.
Juli 26th, 2005 at 23:59
weiss nicht. trost und zuspruch von trostexperten und profizusprechern ginge bei mir wohl links rein rechts raus.
Juli 28th, 2005 at 13:49
Andererseits, ich kenne inzwischen erstaunlich viele Menschen, die sich in ihrer Freizeit als ehrenamtliche SterbebegleiterInnen haben schulen lassen, also müsst die Idee von Frau Syberia sich doch auch umsetzen lassen. Im Übrigen wäre ich dabei, ehrlich, finde ich ne sinnvolle Sache. Im Organisieren, Kontakte machen usw. bin ich gut und macht mir auch Spass. Das System in dem ich/wir bisher gelebt haben löst sich eh auf und es werden neue Strukturen gebraucht die eigenen Lebenszeit sinnvoll zu verbringen.